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Predigt vom 28.01.18

Predigt zu Matth. 9, 9-13 am 28.1.18 in Wilhelmsfeld
Septuagesimä

Jesu Liebe zu den Ausgestoßenen / Liebe zählt mehr als Opfer

Jesus ging weiter und sah einen Zolleinnehmer an der Zollstelle sitzen. Er hieß Matthäus. Jesus sagte zu ihm: »Komm, folge mir!« Und Matthäus stand auf und folgte ihm.
Als Jesus dann zu Hause zu Tisch saß, kamen viele Zolleinnehmer und andere, die einen ebenso schlechten Ruf hatten, um mit ihm und seinen Jüngern zu essen. Die Pharisäer sahen es und fragten die Jünger: »Wie kann euer Lehrer sich mit den Zolleinnehmern und ähnlichem Gesindel an einen Tisch setzen?«
Jesus hörte es und antwortete: »Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken! Überlegt doch einmal, was es bedeutet, wenn Gott sagt: 'Ich fordere von euch nicht, dass ihr mir irgendwelche Opfer bringt, sondern dass ihr barmherzig seid.'
Ich bin nicht gekommen, solche Menschen in Gottes neue Welt einzuladen, bei denen alles in Ordnung ist, sondern solche, die Gott den Rücken gekehrt haben.«

Liebe Gemeinde,
vermutlich wissen Sie alle, was ein Kaleidoskop ist:
Man hält ein Guckrohr in der Hand gegen das Licht. Dann dreht man es. Sofort bildet das System von Spiegeln und Glasstücken im Innern des Rohres überraschende Formen: Rosette, Dreiecke, komplizierte Schneeballmuster, wahre Wunderwerke bizarrer Schönheit.

Wie ein Blick durch ein solches Kaleidoskop ist im Grunde alles, was wir auf dem Boden des Evangeliums zu sehen bekommen. Es ist immer dieselbe Perspektive ins Licht, die Jesus uns vermitteln möchte. Doch jeweils an den Umständen bricht und formt sie sich überraschend neu und verschieden. Die Botschaft der Gesamtperspektive ist jedoch einlinig und lautet ganz einfach so: Übt euch ein und lernt zu leben in der und von der grenzenlosen Zustimmung Gottes, mit der er möchte, dass ihr auf der Welt seid.

Wenn man so will, ist die Berufung der Zöllner für den Evangelisten Matthäus wie ein Kommentar all der Heilungswunder Jesu.
Wenige Zeilen vor unserem Predigttext noch hat er erzählt, wie Jesus einen Gelähmten gesund gemacht hat mit den Worten: „Hab wieder Mut, Kind, deine Sünden sind dir vergeben.“

In gewissem Sinne hatte Jesus zu diesem Gelähmten gesagt: „Du hast so viel Angst vor dem Leben und vor dir selber, dass du offenbar gar nicht mehr den Mut hast, eigene Schritte in dein Leben zu tun. Doch ich sag´ dir: zum Leben gehört es, dass du manches falsch machen kannst. Bitte, vertrau darauf:
was irgend Menschen tun können, steht im Voraus bereits in der Hand der Barmherzigkeit Gottes. Das einzige, was wirklich ganz und gar verkehrt wäre, bestünde darin, dass du, aus lauter Angst, schuldig werden zu können, dir selbst und allen Menschen an deiner Seite schließlich alles schuldig bliebest, indem du selber gare nicht lebtest.“

Doch kaum hatte Jesus diese Worte getan, da meldeten sich die „Frommen“, die in Sachen Religion etablierten Kreise der „Pharisäer“, und nannten die Vergebung der Schuld eine Gotteslästerung.
Jetzt aber, eben als Jesus Kapernaum verlassen hat, geschieht es, dass er an der Zollstation gerade so weitermacht, wie getan, ja, dass er eigentlich noch ein Stück weiter geht, indem er in den Kreis seiner Jünger jemanden einlädt, auf den alle nationalstolzen, alle orthodoxen Kreise seiner Zeit mit Fingern zeigen und vor dem sie ausspucken müssen, weil er für sie ein Verräter an der Sache der Religion wie der Nation darstellt.
Zöllner, das waren Menschen, die zwar verachtet waren, die man aber nicht meiden konnte, weil sie einem immer wieder begegneten und man auch im Alltag mit ihnen zu tun haben musste. Zöllner, das waren Israeliten, jüdische Mitbürger. Ihr Geld aber verdienten sie damit, dass sie im Auftrag der Besatzungsmacht, also der heidnischen Römer, Zölle eintrieben. Viele machten daraus auch ein lukratives Geschäft für sich selber. Sie nahmen oft mehr von den Menschen, als ihnen zustand. So standen sie zwischen allen Stühlen: von den eigenen Landsleuten verhasst und von den Römern nicht anerkannt, mussten sie ein oft einsames Dasein fristen. Als Menschen, die so auch gegen das Volk Gottes standen und auch durch Betrug die Gebote Gottes missachteten, gehörten sie in die Reihe derer, die als von Gott verachtet angesehen wurden.

Was also geschieht hier eigentlich, wenn Jesus es wagt, gerade einen Zöllner in seine engste Umgebung einzuladen, und ihn auffordert: „Komm, folge mir!“
Das heißt doch so viel wie: „Ich begleite dich, egal wohin; ich gehe mit dir durch dick und dünn – durch den Widerstand des Geredes, durch das Mäulerverreißen der ewig Richtigen; ich beschütze dich, dafür stehe ich gerade; du gehörst mit in meinen Kreis.“

Und kaum so gesprochen, da weitet sich´s gleich schon wieder aus zum nächsten, indem Jesus zu Tisch liegt im Kreise gerade von solchen Verlorenen und Verstoßenen, die sich von ihm anscheinend wie magisch angezogen fühlen.
Es ist gar nicht nötig, eine Einladung an diese Menschen auszusprechen, es genügt, sie einfach zuzulassen und sich auf sie einzulassen. Allein mit dieser Einstellung hat man das ganze Leben Jesu so offen vor sich wie nur möglich.

Nun könnte man sagen, dass die Zöllner weit weg sind, Figuren einer längst vergangenen Zeit. Doch vielleicht können wir einiges an dem Zöllner entdecken, das auch uns betrifft.

Der Zöllner lebt zwischen zwei Welten. Die eine möchte ich beschreiben als die eigene Mitte, das Gehaltensein in der Welt. Das ist die jüdische Seite seiner Herkunft. Es ist die Seite des Lebens, die gleichsam die innere Freude ausmacht, die dem Leben etwas abzugewinnen weiß, die spürt, welches Geschenk das Leben ist.
Die andere Seite ist die Römerseite, die Seite des Eingebundenseins in fremde Mächte, die beherrschen, aber mit denen man leben muss, sonst kann man nicht überleben. Es ist die Seite des „das muss nun einmal sein“.

Wie oft haben wir im Berufsleben oder auch im Hausfrauen- bzw. Hausmannsleben erlebt: das will ich eigentlich gar nicht tun, das hat überhaupt nichts mit mir zu tun, aber es muss eben sein. Schule, der Zwang Dinge zu tun, die mir überhaupt nicht liegen, wozu ich überhaupt keine Lust habe, die mir nichts sagen und geben. Sture Arbeit am Band, immer wieder dasselbe tun, ohne dass es einen Sinn ergibt oder aufhört. Immer der gleiche Trott: Aufstehen, putzen, waschen, Kinder versorgen. Und wo bleibt das Leben, wo bleibt die Freiheit und die Kreativität? Ist das wirklich Leben, in dem wir persönlich zu Hause sind, in dem wir uns wohlfühlen, in dem wir uns als besondere Geschöpfe des liebenden Gottes entfalten können? Wo bleiben wir als Menschen, wo sind wir die Angesprochenen?

Der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann schreibt in seinem Matthäus-Kommentar von einer Begegnung, die, so finde ich, etwas von der Beziehungsarbeit Jesu erläutern kann.

„Dieser Tage“, so schreibt er, „erzählte eine Frau, dass ihre Tochter einmal morgens keine Lust gehabt habe aufzustehen.
«Ich habe Kopfschmerzen», habe es gesagt.
«Ich aber wusste», fügte die Frau hinzu, «dass die Englischarbeit drohte, wahrscheinlich genau an diesem Morgen. Hätte ich meiner Tochter jetzt sagen sollen:
Es ist doch Deine Schuld! Du hast all die Tage nicht gelernt, Du hast einen großen Bogen gemacht um die Vokabeln und um die Grammatik; jetzt steh dafür gerade! Also, los, selbst wenn Du eine Fünf schreibst!?
Der Lehrer in der Schule hätte so gesprochen, aber ich habe mir gedacht: Die Angst meiner Tochter ist groß genug, ich will ihr nicht noch mehr Angst machen, und es gibt im Leben noch Wichtigeres, als wie man eine Englischarbeit schreibt. Ich habe mich deshalb an ihr Bett gesetzt und mit ihr geredet. Wir haben dann gemeinsam gefrühstückt, und es gab an diesem Morgen mal keine Schule.
Dass meine Tochter wusste: sie hat eine Mutter, die zu ihr steht in der Angst zu versagen, das war mir ausschlaggebend. »

Mit diesem Beispiel versucht Eugen Drewermann zu beschreiben, was es heißt: im Sinne Jesu zu leben.

Die Heilung des Gelähmten, die Berufung des Zöllners Matthäus, die Tischgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern, all das ist ein Zeichen für das Tun der Barmherzigkeit. Und dieses Tun der Barmherzigkeit geschieht in aller Öffentlichkeit, geschieht unter den Augen der Pharisäer. Das sind starke, selbstbewusste Menschen, die für sich gefunden haben, wie sie ihr Leben leben können und damit auch zufrieden sind, zufrieden sein können. Die das schaffen, was sie sich vorgenommen haben, die sich selbst zu dem verhelfen können, was sie zum Leben brauchen, die moralisch integer sind und einwandfrei leben.
Jesus verurteilt diese Menschen nicht, er wertet ihre Art zu leben nicht ab. Eine einzige Sache gibt er ihnen zu bedenken:
„Überlegt doch einmal, was es bedeutet, wenn Gott sagt: 'Ich fordere von euch nicht, dass ihr mir irgendwelche Opfer bringt, sondern dass ihr barmherzig seid.'

Jesus zitiert hier ein Gotteswort des Propheten Hosea. Damit erinnert er die Pharisäer an zweierlei, nämlich erstens:
Wenn man selbst in der starken Position ist, kann man nicht dieselbe Stärke auch von allen anderen verlangen, und Stärke birgt die Gefahr, unbarmherzig mit sich und anderen umzugehen; also erinnert Jesus die Pharisäer daran, barmherzig zu sein.
Und zweitens hinterfragt Jesus das Opfern. Das Opfer in Geld- oder Sachspende als religiöse Leistung, die man Gott darbringt, so als könne man sich damit Gottes Wohlgefallen oder den Himmel verdienen.
Darüber hinaus achtet Jesus das Leben, das die Pharisäer führen. Er bestätigt sie in dem, was sie selbst schon von sich wissen: euer Leben ist in Ordnung, und darum braucht ihr meine Zuwendung nicht.

Jesus zeigt sehr deutlich, was er unter Barmherzigkeit versteht: den Menschen ohne Vorurteil begegnen. Zunächst einmal nur den Menschen sehen, den Menschen, den Gott für diese Welt geschaffen, den er ernst und wichtig nimmt.
Und dabei soll nicht gelten, was die allgemeine Meinung sagt, was die Ordnung im Umgang mit Menschen deutlich macht. Nein, alles, was auch nur im Entferntesten nach Urteil aussehen kann, hat keine Bedeutung. Es geht einfach darum beim Herzen des Anderen zu sein.
Jesu Umgang mit Menschen ist also so etwas wie eine Verlebendigung des zitierten Satzes aus dem Hoseabuch:
Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit, nicht am Opfer.
Er hat die Menschen angenommen, ohne vorher etwas von ihnen zu verlangen, ohne dass sie erst ihr Leben ändern mussten. Wie oft denken wir, der andere müsse erst so oder so sein, dann können wir ihn annehmen.
Auf das Beispiel des Kindes bezogen: lern erst, mach deine Hausaufgaben, geh zur Schule und dann, dann erst wirst du auch mein Erbarmen spüren.
Die Mutter hat das anders gesehen und auch Jesus sieht das anders. Ohne Voraussetzungen, ohne Vorgaben, ohne Veränderung den anderen Annehmen, bei seinem Herzen sein, das ist das Erbarmen, das Jesus predigt und vor allem auch lebt.
Natürlich zerstört das die Ordnung, das passt nicht in das Schema menschlichen Denkens. Aber es passt in das Schema der Liebe Gottes, der mit solcher Liebe uns Menschen annimmt und begleitet. Jesus hat es in jedem Schritt seines Lebens vorgemacht: der Zöllner Matthäus ist nur ein Beispiel für sein Handeln, das uns als Vorbild dient.

Die Mutter, die am Bett ihres Kindes sitzt und die Ängste ernst nimmt, sie ist ein anderes Beispiel für diese von Jesus Christus vorgelebte Barmherzigkeit. In der Welt der Forderung und Entfremdung erlebt das Kind sich nur als Opfer der Verhältnisse. Drewermann schreibt:
"Würde dieses Mädchen das Vertrauen wiedergewinnen, ein Kind zu sein, das gar nicht so dumm ist, hätte es dann vermutlich auch den Mut, seine Vokabeln zu lernen und sie sogar mit einer gewissen Freude herzusagen. Aber was ein Mensch braucht, ist eine bestimmte Würde sich selbst gegenüber, eine gewisse Achtung für sich selbst, und ihm die zu vermitteln, ist der ganze Sinn dessen, was wir im Raum der Kirchen als eine «Mahlgemeinschaft» Jesu begehen sollten."
Jesus hat die Ordnungen um des Menschen willen durchbrochen. Er hat damit nicht die Ordnungen außer Kraft gesetzt, aber hat das Fremdbestimmte darin wahrgenommen. Er hat gesagt, dass es nicht um das Opfer geht, also sich zusammenzureißen, um nach bestimmten äußeren Gesichtspunkten zu leben.
In der Gemeinschaft mit den Menschen zählt das Herz des anderen und das eigene Herz, das sich frei von Vorgefasstem dem anderen zuwendet. Die Mutter hat dies getan, hat die gesellschaftliche Notwendigkeit der Schule einmal hintangestellt, und das Herz der Tochter an die erste Stelle gerückt. Die Tochter wird die Arbeit vielleicht nachschreiben müssen, die Vokabeln müssen auch gelernt werden. Aber sie kann es jetzt tun in dem Vertrauen, dass sie mit ihren Gefühlen, mit ihrem Herzen angenommen und geliebt ist. Und das ist mehr wert als alles andere.
Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer, spricht Gott und schickte Jesus, um es uns zu zeigen.

Amen.

Bilder

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Losungsworte der Herrenhuter Brüdergemeinde

Losung für den 22.07.18

Jene verlassen sich auf Wagen und Rosse; wir aber denken an den Namen des HERRN, unsres Gottes.
Psalm 20,8

So sei nun stark durch die Gnade in Christus Jesus.
2.Timotheus 2,1


Monatsspruch Juli 2018

Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!
Hos 10,12


Jahreslosung 2018

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Offenbarung 21,6