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Predigt vom 22.07.18 Verabschiedung von Pfarrer Kreitzscheck

Predigt zu Psalm 139
am 22.7.18 in Wilhelmsfeld

Von Gott umgeben

Herr, du erforschest mich und kennest mich.
Ich sitze oder stehe, so weißt du es.
Du verstehst meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege, so bist du um mich
und siehst alle meine Wege.
Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.
Das ist zu wunderbar, zu unbegreiflich,
zu hoch für meine Gedanken.
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,
wohin fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken
und Nacht statt Licht um mich sein –,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,
und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Denn du hast mein Innerstes gebildet,
hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter.
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke;
das erkennt meine Seele.
Deine Augen sahen mich,
als ich noch nicht bereitet war,
und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten und von denen keiner da war.
Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so groß!
Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand.
Am Ende bin ich noch immer bei dir.
Erforsche mich, Gott, und sieh mir ins Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich's meine.
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.

Liebe Gemeinde,
Gott unendlich fern – und zugleich: unendlich nah. Die Psalmen wagen es, diesen Gott zu preisen. Ihm zu singen. Ein Lied erhebt sich vom Grund der Seele. Und tief im Innersten des Menschen klingen die Worte nach – seit Tausenden von Jahren.
Alte Worte sind es – aus einer anderen Zeit. Und mit manchen tun wir uns schwer.
Die Theologin Dorothee Sölle hat geraten, man solle die Psalmen essen. Man solle sie in den Mund nehmen, probieren, wie sie schmecken, diese Worte.
Sie sind keine mundgerechten Häppchen, nein, eher Schwarzbrot. Oder ein Teigfladen, in der Wüste über dem Feuer gebacken. Manchmal mit harter Kruste und Ascheresten. Manchmal bestreut mit den Wildkräutern der Wüste. Gewürzt mit dem Duft von Koriander und Kümmel, vermischt wohl auch mit dem Salz der Tränen oder getränkt im Öl der Freude.

Man muss die Worte kauen, sie im Munde bewegen und zugleich im Herzen. Sie in sich aufnehmen. Dann werden sie nähren und zugleich ihre Geschichte erzählen.

Der Psalm 139 ist für mich, der ich mal Germanistik studieren wollte und für den Musik eine zentrale Rolle in seinem Leben spielt, ein wunderschönes Stück Literatur, eine wunderbare Musik.
Er war ja, wie alle Psalmen, ursprünglich ein gesungenes Gebet und gehört neben den Kirchentagsliedern von Pete Janssens und Fritz Baltruweit zur Hintergrundmusik meines beruflichen Lebens und wird es wohl auch im Ruhestand bleiben.

Ich lade Sie ein, sich den Lebensweg eines Menschen mit diesem Psalm vorzustellen. Einmal zu prüfen, was diese Worte geben können für ein kleines Kind, das wächst und zu einem Erwachsenen wird. Für einen Erwachsenen, der Jahr für Jahr älter wird und reicher an Erfahrungen.

I. Von Gott umgeben

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ (V. 5)
Da ist das Vertrauen, das wir unseren kleinen Kindern mit ins Leben geben möchten: „Mama ist für dich da. Papa ist für dich da und Gott ist für dich da.“
Am Anfang eines Lebens ist eigentlich immer einer da. Ein Baby muss nur schreien oder jammern, bis jemand kommt.
Die meisten Kinder können mit diesem Grundvertrauen aufwachsen, dass jemand die Hand über sie hält. Vorne und hinten eine stützende Hand, wenn ein Kind z.B. anfängt zu laufen. Dieses Grundvertrauen übertragen Kinder auf Gott: Gott ist wie eine große Mama, wie ein großer Papa.
„Wo ich gehe, wo ich stehe, bist du, Gott, bei mir. Wenn ich dich auch niemals sehe, weiß ich sicher, du bist hier“, heißt es in einem Kindergebet.
Und so denkt der Beter unseres Psalms auch an ein Kind bei der Geburt:
Denn du hast mein Innerstes gebildet, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. (V.13-16)

II. Fragen

Jedes Kind wird größer und es kommen Fragen:
Wo bist du Gott, ich sehe dich nicht. Bist du oben im Himmel? Bist du bei uns auf der Erde? Kann ich dich spüren?
Wenn du auf allen Seiten bist, bist du auch links? Da, wo meine Hand schwächer ist, wo mein Herz schlägt und meine Gefühle wohnen? Wo meine Kreativität zu Hause ist?

Wenn du mich von allen Seiten umgibst, Gott, bist du auch rechts? Da, wo ich zupacke und stark bin? Da, wo ich alles im Griff haben möchte? Bist du auch da, wenn ich Angst habe?
Wenn Du, Gott mich von allen Seiten umgibst, Gott, bist du auch vorn, wenn ich einen Freund umarme?
Bist du vor mir, wenn mir der Wind ins Gesicht bläst?

Bist du auch hinten, wenn andere über mich reden? Wenn mein Vater im Vollrausch die Mutter schlägt? Bist du da, wenn ich anderen den Rücken zudrehe? Bist du da, wenn mir jemand auf die Schulter klopft und sagt: „Das hast Du gut gemacht!“

Wenn Du mich von allen Seiten umgibst Gott, bist du auch oben? Wo mir vieles zu hoch ist? Wo ich mich klein fühle und abhängig von anderen?

Bist du auch unten, unter meinen Füßen? Da, wo die Erde mich trägt? Da, wo ich hinfalle und mir
die Hände aufschlage? Bist du da, wo ich mir den Zahn beim Fallen vom Fahrrad ausgeschlagen habe?
„Ich sitze oder stehe auf, so weißt es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.“
(V. 2-3)
„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir“ (V. 5)

III. Kritik und Wunsch nach Freiheit

Das Kind wird älter mit dem Psalm. Es kommt über die Fragen hinaus in das Alter, in dem die Eltern schwierig werden und die Fragen ans Leben größer. Das Alter, in dem es auch dazu gehört sich zu überlegen, ob das wirklich so sein kann mit dem Gott der Kindheit.

Es gibt Lebenszeiten, in denen sich der Glaube verändert. Jugendliche arbeiten sich auch an Gottesbildern ab. Es ist die Zeit, in der sie alleine entscheiden wollen, und es nicht mehr sotoll ist, wenn Gott jeden Gedanken kennt.
Der Psalm geht einen ähnlichen Weg: Der Beter fragt:
„Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, wohin fliehen vor deinem Angesicht?“ (V. 7)
So drückt er das Gefühl aus: Ich brauche mehr Freiheit. Ich will eigene Wege gehen. Aber gleich hinter diesem „Ich will das nicht mehr. Ich will dich nicht so nah. Ich will dich nicht auf jeder Seite haben!“ kommt ein anderer Gedanke:
„Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“
(V. 8-10)
Es gibt Momente im Leben, in denen die Nähe Gottes zu viel werden kann, in denen ich nicht von Gott durchschaut sein möchte. Nicht nur in der Pubertät. Es gibt Augenblicke, in denen ich unzufrieden mit mir selber bin, in denen ich sehe, was ich beruflich und privat falsch gemacht habe.
Ich weiß zwar, dass ich auf Gottes Vergebung hoffen kann. Aber auch mir selber zu vergeben, das ist schwer. Da nützt mir auch die beste Theologie nichts. Ja, es gibt Tage, da wünsche ich: „Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein.“ (V.11)
Aber auch in diesem Moment sagt der Psalm: „Finsternis wäre nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“ (V.12)

IV. Gott geht mit in die Finsternis

In dem Moment, in dem ich selber ins Dunkle gehe, geht Gott mit. Er wartet nicht ab, was ich machen will und ob ich den Weg selber wieder herausfinde. Er will mitgehen. Er will mir das Dunkle hell machen. Das spüren wir nicht immer. Auch als Erwachsener ist es nicht einfach sich das vorzustellen. Aber es ist eine einladende Vorstellung: Wenn wir ins Dunkle gehen, dann leuchtet Gottes Licht dort. Dann ist seine Liebe auch im Finsteren. Das ist dann wie der Weg Jesu in den Tod. Jesus bringt mit seinem Leiden Gottes Liebe noch einmal ganz neu in unsere Welt. Als Mitleiden mit der Schöpfung. Als Mitfühlen der Finsternis und der Schmerzen.

Eine Formulierung im Psalm ist mir in diesem Zusammenhang noch wichtig. Gleich am Anfang heißt es: „Du erforschest mich und kennest mich.“ In der hebräischen Sprache ist dieses „Erkennen“ das gleiche Wort, das auch für „Lieben“ verwendet wird. Gott schaut nicht auf den Menschen, um den Zeigefinger zu erheben. Das was Gott sieht und erkennt, sieht er mit seinen liebenden Augen.

V. Gott versteht meine Gottesferne

Aber gehen wir doch einen Lebensweg weiter mit dem Psalm: In die Zeit, in der für viele Menschen der Beruf im Vordergrund steht, die Familie, die Hobbys, die Freunde. Jahre in denen oft Zeit für Gott, Zeit für Spiritualität kaum noch da ist und der eigene Glauben aus den Augen gerät. Aber auch für diese Lebenszeit hören wir: „Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es, du verstehst meine Gedanken von ferne.“ (V. 2)

Verstehst Du mich auch in der Zeit, Gott, in der ich mich nicht um dich kümmere? Verstehst du, wenn mir anderes wichtiger ist? Verstehst Du, dass ich Zweifel an dir gehabt hab, auch als Pfarrer? Verstehst Du, wenn eine Beziehung gescheitert, eine Freundschaft zerbrochen ist?
„Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege“ (V. 3)

Das „von allen Seiten umgibst du mich“ bekommt in dieser Zeit noch einmal einen ganz neuen Klang. Und wieder kann ich mir nur vorstellen, dass es Gottes liebevoller Blick ist, der jedes Leben begleitet.
Bei vielen Menschen fängt irgendwann die Zeit des Nachdenkens und des Suchens neu an. Man schaut zurück auf Entscheidungen und Wege, spürt vielleicht auch eine Sehnsucht Wege mit Gott noch einmal neu zu finden oder eigene Wege anders zu gehen. Dabei schauen wir auch zurück auf das, was war. Im Rückblick gerät manches Scheitern in den Blick, aber auch Gelungenes. Und oft ist es eine Frage, welche Brille man aufhat, was man zuerst sieht.
Wenn wir die Worte des Psalms in den Mund nehmen, dann kommen uns auch Situationen in den Sinn, in denen Gott uns behütet hat: Die Erinnerung an eine Krankheit, die wir überwunden haben, Konflikte in Partnerschaft und Beruf, die durch die Familie, durch Freundinnen und Freunde, durch Seelsorger und Therapeuten und nicht zuletzt durch spirituelle Begleitung ausgehalten und verschafft werden konnten. Freunde, die mit einem wunderbar feiern und diskutieren, die spannenden Gespräche und Debatten am Küchentisch mit den inzwischen mitten im prallen Leben stehendenden Kindern. Eine Reise, von der man beglückt und vor allem heil wieder nach Hause kommt.
Wie wir von unserem Leben erzählen ist wichtig: Wir können uns erzählen, was nicht gut war, aber wir können uns auch an Momente erinnern, in denen wir uns von Gott behütet und gesegnet gefühlt haben.
Im Psalm staunt der Beter: Staunen über Gott, staunen über das eigene Leben, danken für das Gelungene. „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“ (V. 14) „Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand.“ (V. 17-18) –
Staunen wir, dass wir herrlich geschaffen sind? – Diese Worte sind auch eine Einladung: Ich kann staunen, dass ich herrlich geschaffen bin.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass es mir längst nicht immer gelingt. Aber dann ist mir beim Nachdenken über diese Aussage die Unterscheidung von "wunderbar" und "vollkommen" eingefallen.
David jubelt Gott nicht zu, weil er vollkommen gemacht worden wäre, sondern weil der Schöpfer ihn einzigartig, wunderbar gemacht hat. Auch im Zeitalter von Genmanipulationen und künstlicher Befruchtung stehen wir immer noch oder gerade erst recht staunend vor dem Wunder der Entstehung eines neuen Menschen. Das kann ich für mich in Anspruch nehmen: Ich bin ein Wunder Gottes. Gott hat mich gewollt, mit meinen Gaben und Schwächen, mit meinen Sonnen- und Schattenseiten. Für Gott ist jeder, jede einzelne von uns der schönste Mensch auf Erden.

VI. Gott nimmt Beziehung auf

Und ein Letztes: „Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war.“ Das heißt: Du Gott siehst mich von Anfang an. Und nur deswegen kann ich, Mensch, Dich, Gott, sehen, weil Du mich damit in eine Beziehung hineinnimmst, die mir die Augen öffnet.
Die Augen öffnet dafür, dass Du Gott diese Welt nicht verlassen hast, sondern mittendrin bist, auch und gerade in der Not, mit den Menschen, die leiden und den Menschen die leiden machen. Die Augen öffnet dafür, dass Du Gott auch in der Finsternis bist und deswegen die Finsternis nicht ganz so finster sein kann. Und dass wir uns nicht zu fürchten brauchen, sondern mit Dir in dieser Welt sein sollen und sein können.

Das ist Brot – nicht ganz so weich und fluffig wie ein Sonntagsfrühstückshefezopf, aber körniges, nahrhaftes Schwarzbrot. Brot, das nicht nur mich, sondern uns, die Gemeinschaft, die Welt nährt. Brot, das wir teilen können.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.



Bilder

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Losungsworte der Herrenhuter Brüdergemeinde

Losung für den 15.08.2018

Der Name des HERRN ist ein starker Turm, der Gerechte eilt dorthin und findet Schutz.
Sprüche 18,10

Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.
Offenbarung 1,8


Monatsspruch August 2018

Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott
und Gott bleibt in ihm. 1 Joh 4,16


Jahreslosung 2018

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Offenbarung 21,6