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Predigt vom 25.11.18 / Ewigkeitssonntag

Ich sehe was, was du nicht siehst…. Oder die tröstende Vision des Johannes (Offb. 21, 1-7)


Liebe Gemeinde,
Ich sehe was, was du nicht siehst …. Und das ist grün!
Ich sehe was, was du nicht siehst ….. Und das ist blau!
Ich sehe was, was du nicht siehst …. Und das ist gelb!
"ich sehe was, was du nicht siehst..." Dieses Kinderspiel haben Sie sicher auch schon einmal gespielt und dann nach etwas gesucht, das rot, blau oder grün ist.
Vor knapp zweitausend Jahren sagte einer: "Ich sehe was, was du nicht siehst" und steht mit dieser Vision ziemlich allein da. Er sieht keine roten, blauen oder grünen Sachen, sondern eine neue Welt. Seine Vision, die schreibt er auf und schickt sie an sieben Gemeinden in Kleinasien. Gemeinden, die ihren Glauben als Christen nicht ausleben können und vom Kaiser verfolgt werden. Und mitten in die Verfolgung, in die Unterdrückung hören diese Gemeinden: "Ich sehe was und das ist eine friedliche Welt, eine Welt ohne Unterdrückung und Verfolgung. Eine Welt in der unser Gott ganz nahe bei den Menschen ist."

Er, der diese Welt sieht, nennt sich Johannes und beschreibt seine Visionen im 21. Kapitel der Offenbarung wie folgt:
Danach sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen; auch das Meer gab es nicht mehr.
Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, schön wie eine Braut, die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat.
Und vom Thron her hörte ich eine mächtige Stimme rufen: »Seht, die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen! Gott wird in ihrer Mitte wohnen; sie werden sein Volk sein – ein Volk aus vielen Völkern, und er selbst, der immer bei ihnen ist, wird ihr Gott sein.
Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen, und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein. Denn was früher war, ist vergangen.«
Daraufhin sagte der, der auf dem Thron saß: »Seht, ich mache alles neu.« Und er befahl mir: »Schreibe die Worte auf, die du eben gehört hast! Denn sie sind wahr und zuverlässig.«
Dann sagte er zu mir: »Nun ist alles erfüllt. Ich bin das A und das O, der Ursprung und das Ziel aller Dinge. Wer Durst hat, dem werde ich umsonst von dem Wasser zu trinken geben, das aus der Quelle des Lebens fließt.
Das alles wird das Erbe dessen sein, der siegreich aus dem Kampf hervorgeht, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.
"Ich sehe was, was du nicht siehst", sagt Johannes: "Ich sehe, dass diese Welt, in der Menschen unterdrückt und verfolgt werden, nicht mehr sein wird. Ich sehe, dass diese Welt, in der unsere Lieben sterben und wir um sie trauern, nicht mehr sein wird. Ich sehe, dass der Tod nicht mehr sein wird, dass Leid, Schmerz, Geschrei, Jammern nicht mehr sein werden. Ich sehe, dass es keinen Grund mehr geben wird zu weinen und Gott dir alle Tränen, die du geweint hast, abwischen wird. Ich sehe, dass Gott bei den Menschen sein wird, mitten unter Ihnen. Ich sehe, dass wir ganz nah bei Gott sein werden. Ich sehe, dass Gottes Nähe ein Freudenfest sein wird, schön wie eine Hochzeit. Ich sehe was, was du nicht siehst - ich sehe eine neue Welt!"
„Es ist wahr, Johannes, möchte ich erwidern, es ist wahr, dass ich nicht die Welt sehe, die Du siehst.“ Gerade wenn ich heute in die Reihen blicke, dann sehe ich traurige Gesichter. Traurige Gesichter von Menschen, die im letzten Jahr einen geliebten Menschen verloren haben, ihn zu Grabe tragen mussten. Du sprichst von Neuanfang, Johannes. Ich sehe heute Menschen, die sich mit dem Ende auseinandersetzen müssen. Mit dem Ende eines Lebens, mit dem Ende einer Beziehung, mit dem Ende einer gemeinsamen Geschichte. Und am Ende stand der Friedhof.
Zum Friedhof, jenem unwirkliche Ort, an dem wir Abschied nehmen mussten, viele Male vielleicht schon, zieht es mich in diesen Tagen. Es ist kalt und der Nebel will nicht weichen. Die feuchte Kälte kriecht unter die Jacke. Ein Schwarm Krähen fliegt in Richtung Feld und zerstört die Stille mit seinem Gekrächze. Aus vielen Gesprächen weiß ich: Die Lücke, die der Tod reißt, kann einen zerreißen. Die Angehörigen fühlen sich zuerst wie betäubt. Sie spüren sich nicht mehr. Sie funktionieren einfach. Als wäre ihnen etwas amputiert worden. Erst nach und nach sickert das Wissen ein, dass der Verlust unwiederbringlich ist. Der Tod zerstört; er hinterlässt Unordnung und Trümmer. Er zerreißt Beziehungen und hinterlässt die Zurückbleibenden leer und ausgebrannt. Auch Wut ist dabei. Warum hat er mich im Stich gelassen? Warum soll ich überhaupt noch weiter leben? Was kann einen da trösten?
An einem verwitterten Stein bleibt mein Auge hängen: „Der Herr ist mein Hirte“ steht darauf. Ich rechne nach: Nur 49 Jahre alt war die Verstorbene. Bilder einer Trauerfeier steigen in mir auf. Ob der 23. Psalm sie getröstet hat?. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.“ Eine Gewissheit, die Menschen begleitet auf ihrem Leidensweg. Der Psalm 23, die vertrauten Worte…„Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Ich bleibe eine Weile stehen. Wie findet man in diesen Worten Trost, wie kann man sich an ihnen festhalten, wenn der Tod ins Leben bricht? Vielleicht stellen die altbekannten Worte eine Verbindung da, eine Verbindung, die nicht abreißen lässt, wenn der Abgrund des Todes sich gewaltig öffnet, eine Verbindung, die stärker ist als der Tod. Und dennoch: „Diesen Psalm müsst ihr jetzt ganz neu für euch buchstabieren lernen.“ denke ich und bekomme die Bilder von den Angehörigen vor Augen. Diesen Psalm und Euer ganzes Leben müsst ihr jetzt neu buchstabieren lernen. Das ist jetzt eure Aufgabe. Wie ist das möglich? Ich schließe die Augen. Und in der Dunkelheit der Trauer erahne ich das helle und freundliche Angesicht Gottes, der spricht: Seht, ich mache alles neu. Ein seltsamer Trost. Unsentimental. Ich sehe was, was du nicht siehst? In dem Bild wird nicht gezaubert. Das Dunkle und Unbegreifliche bleibt stehen, es ist ja auch nicht wegzureden. Ein ehrliches Bild, in das Johannes uns mit hinein nimmt. Ehrlich und tröstlich. Durch die Dunkelheit hindurch erahne ich das helle und freundliche Angesicht Gottes, der spricht: Seht, ich mache alles neu. Dieser Trost setzt in Bewegung. Er weist einen Weg, den man gehen kann. Mit der Traurigkeit, mit der Dunkelheit. Und wenn man dann auf dem Weg ist, den man ja so unvermeidlich gehen muss, rückt das Verlorene in einen anderen Horizont, weil es einen Ort hat. Der Mensch, den ich geliebt habe, den ich hergeben musste, der ist nicht im Dunkeln geblieben, nein: zu Gott ist er gekommen, Gott war da, als ein Herz aufhörte, zu schlagen, als ein Mund aufhörte, zu lachen, als ein Vater nicht wieder nach Hause kam. Gott war da.
Vielleicht ein ungewöhnlicher Trost, aber ein ehrlicher. Der aufrichtet, der stark macht. Der einen wieder Boden unter den Füßen spüren lässt. „Seht, ich mache alles neu.“
Ich laufe weiter hindurch zwischen den Gräbern, mein Blick richtet sich nach oben gen Himmel, alles ist grau in grau. „Ein neuer Himmel und eine neue Erde?“ „Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt, wenn einst Himmel und Erde vergehen“ – so heißt es in einer Liedzeile, die mir jetzt in den Sinn kommt. Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt. Ich gehe weiter.
Langsam schafft die Sonne es, den Nebel zu vertreiben.
Da entdecke ich ein ungewöhnliches Grab. Eine niedrige hölzerne Bank steht daneben, durch ein Schloss gesichert. Wer hierher kommt, freut sich auf das Zwiegespräch, denke ich. Hier kann seine Seele zur Ruhe kommen. Hier fühlt er sich dem geliebten Menschen wieder nahe. Eine Bank an einem Grab. Ein Ort, zum Erinnern. Genauso wie die anderen „Bänke“, das immer noch bezogene Bett, das Foto aus dem letzten Urlaub, die Rosenhecke im Garten. Bänke zum Erinnern hat jeder. Und sie müssen ja nicht immer auf dem Friedhof stehen. Der Abschied reicht ja auch in den Alltag hinein.
Und zum Abschiednehmen gehört es, die Erinnerungen an den geliebten Menschen ganz intensiv werden zu lassen. Die Erinnerungen kann einem keiner nehmen. Welche Saiten hat der geliebte Mensch in mir zum Klingen gebracht? Diese Saiten sind mit seinem Tod nicht verloren. Sie bleiben ein Teil meiner Person. Große Ängste gehören dazu: Wie gehe ich mit dem Alleinsein, der Einsamkeit um? Aber auch, was habe ich bei dem anderen abgeladen, das nun wieder Teil meiner Person werden muss? Was hat mir der andere bisher in meinem Leben abgenommen, was muss ich nun selber übernehmen? Was habe ich an ihn delegiert? Das muss ich nun in die eigene Verantwortung nehmen. Eine große Aufgabe. Ich muss einiges verloren geben. Anderes kann ich in mein Leben integrieren.
An einer Forsythie sind mitten in diesem sonnigen November vereinzelt gelbe Blüten zu sehen. Eine ältere Frau deckt ein Grab mit Tannenzweigen ab. Ganz konzentriert ist sie. Gartenarbeit: Umgraben, Unkraut jäten, in der Erde wühlen, sie riechen, Neues pflanzen. Geduldig warten, dass es wächst. Dass etwas Neues kommt.
„Seht, ich mache alles neu!“ Diese Verheißung der Neuschöpfung, der Verwandlung und Vollendung durch Gott im letzten Buch der Bibel ist ein Hoffnungswort, das Generationen von Christinnen und Christen vor uns im Glauben getragen hat und auch uns tragen wird. Wie den Glaubenden vor uns, gibt es uns Stärke und Kraft, mit dem Verlust und dem Tod geliebter Menschen fertig zu werden. „Ich sehe was, was du auch siehst.“ Wir sehen das Leidvolle und Chaotische in dieser Welt, aber uns ist als Christen gesagt, dass die lebensfeindlichen Mächte nicht das letzte Wort haben werden. Die Umrisse des kommenden Heils können wir schon jetzt erahnen und fühlen, wenn wir unser Herz öffnen für die Hoffnung und den Trost, den Gott für uns bereithält „Der Himmel der kommt, grüßt schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das Leben verändert.“
Ja, es ist die Liebe, die bleibt, die stärker ist als der Tod, durch die wir verbunden bleiben mit einem geliebten Menschen, und auch mit Gott. Das ist der neue Himmel, den ich auch sehe.
Ich mache mich auf in Richtung Friedhofstor.
Auf der Straße ist Bewegung. Eine Mutter zieht ihr Kind mit einem Sportbeutel in Richtung Odenwaldhalle. Der Grünschnitt wird geholt, zwei Frauen, die sich vor dem Café treffen, ein Fahrradfahrer. Wo wollen sie hin?
Das Tor steht weit offen. Advent kann kommen.
Amen.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Ihre Pfarrerin Dr. Silke Dangel


Bilder

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Losungsworte der Herrenhuter Brüdergemeinde

Losung für den 16.12.2018

Meine Schuld ist mir über den Kopf gewachsen; sie wiegt zu schwer, ich kann sie nicht mehr tragen.
Psalm 38,5

Der Engel sprach zu Josef: Maria wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.
Matthäus 1,21


Monatsspruch Dezember 2018

Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut.
Mt 2,10


Jahreslosung 2018

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Offenbarung 21,6