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Predigt zum 125. Jubiläum des Wilhelmsfelder Kirchenchors

Predigt zu Psalm 146, 1-2.5-6
mit EG 302, 1-2
zum 125. Jubiläum des Wilhelmsfelder Kirchenchors am 16.09.2017


„Loben ist ausatmen. Loben ist das Ausatmen des Glaubens.“

Halleluja! Lobe den Herrn, meine Seele! Ich will den Herrn loben solange ich lebe, meinem Gott singen und spielen solange ich bin.
Glücklich zu preisen ist, wer den Gott Jakobs zum Helfer hat, wer seine Hoffnung auf den Herrn setzt, auf seinen Gott, auf ihn, der Himmel und Erde erschaffen hat, das Meer und alles, was darin lebt, auf ihn, der für alle Zeiten die Treue hält.

So, liebe Festgemeinde, lobt der Beter des 146. Psalms seinen Gott.
Loben ist eine Grundäußerung des Glaubens. Dabei ist das Lob Gottes nicht das erste Wort. Das erste Wort ist das Wort Gottes am ersten Schöpfungstagselbst, mit dem er Licht aus dem Dunkel werden ließ, das dem Nichts sagte, dass es sei, das Menschengestalt angenommen hat.
Das ist das Erste Wort Gottes, und es wird auch das letzte sein. Aber das Wort der Menschen, das auf dieses erste Wort Gottes folgt, ist das Lob.
Den groß machen, der in Wirklichkeit groß ist. Darum geht es.
So singt dann auch Maria, die werdende Mutter Jesu:
Meine Seele erhebe den Herrn und mein Geist freue sich Gottes, meines Heilandes.

Loben ist ausatmen. Loben ist das Ausatmen des Glaubens.

Wir sind die meiste Zeit unseres Lebens damit beschäftigt, einzuatmen, wahr- und aufzunehmen. Wo bekomme ich die Informationen, die mir weiterhelfen? Wo gibt es interessante Sonderangebote? Welche Nachrichten bewegen die Welt? – alles Atemzüge auf der Suche nach Leben, oft atemlose Atemzüge.

Aber das weiß auch jeder und jede von uns: Wer immer nur einatmet, der hyperventiliert, der kommt wirklich in Atemnot. Immer nur Luft holen, um den wechselnden Anforderungen des Lebens genügen zu können, das lässt den Atem stocken.

Einatmen kann jeder – die Kunst ist es, auszuatmen!
Im Lob Gottes atmet der Glaube aus. Wenn die Seele Gott lobt, dann ist sie ganz bei Gott und findet ganz zu sich selbst. Dann ist für den einen Moment nichts anderes wichtig.
Ganz bei Gott sein und ganz bei sich selbst. Man vergisst immer wieder, wie lebensnotwendig dieses Ausatmen ist. Wie gut es der Seele tut.
Darum diese häufigen Erinnerungen in den biblischen Psalmen: Lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht!
Vergessen kann zum Todfeind des Glaubens und damit des Lebens werden. Denn wer Gott vergisst, droht das Leben zu vergessen und auch sich selbst.

Darum, vergiss nicht, lobe, atme aus.
Ausatmen braucht Zeit! Ausatmen heißt nicht: hecheln! Ausatmen schafft einen heilsamen Abstand zu den Dingen, die mich beschäftigen. Ausatmen ist ein Akt der Freiheit. Wer es vergisst, könnte sich zum Sklaven der Dinge, der Meinungen, und Interessen machen und der Angst, etwas zu verpassen.

Wir gehen einen Schritt weiter, gehen rüber zur Seele.
Lobe den Herrn, meine Seele bzw. „Du meine Seele, singe“
Seele, dieses große Wort, in dem so viel steckt. Die Seele, die der Ort ist, wo Gott in mir wohnt, der heile, der unzerstörbare Kern, mein Mensch-Sein, das ewig Lebendige.

Aber, was geschieht, wenn die Seele singt?

Legen wir zunächst alles beiseite, was uns beim Stichwort "Singen" einfällt: Noten, Gesangbücher, Lieder, Chorsätze und vieles mehr. Wir legen es behutsam beiseite, denn darum geht es nicht, noch nicht. Wir werden sehen, wann wir es zurückholen.

Als ich mal einen Kollegen bat, mir seine spontanen Gedanken mitzuteilen zu dieser Liedzeile "Du meine Seele singe", da sagte er: "Singen kann die Seele nicht alleine, nur mit dir zusammen." Und weiter: „Tief in uns ist etwas Heiles, Gutes, Lebendiges – eben die Seele. Und diese Seele klingt, sie hat einen Ton, einen ewigen Ton, der schon immer in ihr klang und noch heute klingt.“

Merken Sie, warum es hier - noch nicht - um Noten, um Lieder, um Gesangbücher geht?
Vor dem Singen kommt das Klingen.
Der "Klang der Seele" ist etwas anderes als der Klang meiner Stimme.

"Du meine Seele, singe", das könnte dann heißen:
Ich spüre dem Klang nach, der in mir ist, ja, der schon immer in mir war. Der so klar und rein ist.
Eine, wie ich finde, wunderbare Entdeckung.

In mir klingt es, klingt ein ewiger Lebenston, genau dort wo Gott ihn angestimmt hat. In meiner Seele, an dem Ort, wo außer Gott und mir niemand hinkommt.
Vor dem Singen also kommt das Klingen.
Und was singt die Seele?
Im Lied von Paul Gerhardt finde ich manches:
Da singt die Seele von Gott, der "droben" ist und hier "unten auf der Erd" gepriesen wird. Von Gott, dem ich vertrauen kann, der starke Kräfte hat, Schöpferkraft, der treu ist, der gerecht ist und mich schützt. Der Licht gibt und aufrichtet und nichts weniger ist als der beste Freund des Menschen.

Sie merken, wir nehmen die Dinge, die wir vorhin zur Seite gelegt haben, allmählich wieder an uns.
Die Seele - die nur mit mir zusammen singen kann - nimmt den Ton auf, den Gott in mir angestimmt hat.
Und so wird das Lied das ich singe, zum Beispiel mit dem Gesangbuch oder dem Chorbuch in der Hand, zum Ausdruck meiner Beziehung zu Gott.
Zum Ausdruck der Lebenshaltungen, die sich daraus ergeben, dass es göttlich in mir klingt.

Weil dieser Ton Gottes in meiner Seele klingt, kann ich ihn singend aufnehmen, mit meinem Lebensgesang.
So kann ich Mensch sein. Ein Mensch, der vertraut, der dankbar ist, der gerecht sein kann, der stark sein kann, der loben kann, und der vor allem lieben kann.
Sich selbst, und dann auch den Nächsten.
So passt alles zusammen:
Das gesungene Lied wird zum hörbaren Ausdruck der klingenden und singenden Seele, die den ewigen Ton Gottes in sich trägt.

Ein Letztes: "Wohlauf und singe schön".
Was meint Paul Gerhardt mit dieser Aufforderung?
Er meint vermutlich noch nicht, was im 18. Jahrhundert und in der Zeit der Romantik unter innerer Schönheit eines tugendhaften Menschen gemeint war und was Friedrich Schiller als die Harmonie von Sinnlichkeit, Vernunft, Pflicht und Neigung beschrieb.
Ich verstehe ihn vielmehr so: Schönheit ist ein nicht zu überbietendes Wort. Wenn ich wirklich "schön" meine, meine ich "vollkommen".

"Wir strecken uns nach dir" beginnt ein neueres Lied. Dann folgen Sätze wie: "In dir wohnt die Lebendigkeit." Oder auch: "In dir wohnt die Vollkommenheit." Die Strophen des Liedes enden jeweils mit dem Refrain: "Du bist, wie du bist: Schön sind deine Namen. Halleluja. Amen."

Die Seele, die schön singt, ist der Mensch, in dem sich die Schönheit Gottes wieder finden kann. Ich könnte es auch so ausdrücken:
Zieh Dich innerlich "schön" an, wenn Du zu Gott singst!
Es gilt aber auch umgekehrt: Singe dieses Lied und Du wirst innerlich schön, klar und froh!

Diese Erfahrung – und damit wende ich mich nun persönlich an Sie, liebe Sängerinnen und Sänger unseres Kirchenchors – diese Erfahrung von innerer Schönheit, Klarheit und Fröhlichkeit wünsche ich Ihnen immer wieder.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch weiterhin zusammen mit unserem Kirchenmusiker und Chorleiter Herrn Jun Won Lee etwas weitergeben können von der frohmachenden Botschaft Gottes, wie sie im Psalm 146 zum Ausdruck kommt:

Glücklich zu preisen ist, wer den Gott Jakobs zum Helfer hat, wer seine Hoffnung auf den Herrn setzt, auf seinen Gott, auf ihn, der Himmel und Erde erschaffen hat, das Meer und alles, was darin lebt, auf ihn, der für alle Zeiten die Treue hält.

Amen.