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Predigt vom 17.09.2017

Predigt zu Psalm 8 im Taufgottesdienst
am 17.9.17 in Wilhelmsfeld


„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“

Liebe Gemeinde!
Mit welchem Blick schauen wir auf die Zeit, auf die vergangene
und die kommende?
Messen wir sie an unseren Hoffnungen und Erwartungen – was erfüllt sich in ihr?
Messen wir sie an der Sammlung an Nachrichten – welche Entwicklung sehen wir?
Messen wir sie an den Aufgaben, die der Menschheit gestellt sind – was schaffen und was versäumen wir?

Schwindelerregend sind die Notwendigkeiten, erdrückend die Probleme. Was tut der Mensch mit dieser Erde, was macht der Mensch aus seiner Zeit?

Ich lade Sie ein, mit der Blickweise der Bibel auf die Welt und den Menschen zu schauen. Es ist eine Blickweise, die uns eine neue Perspektive zeigen kann, die uns das Staunen lehren kann. Ich möchte das tun mit dem Psalm 8, den wir vorhin gebetet haben.
Herr, unser Herrscher,
wie machtvoll klingt dein Name auf der ganzen Erde!
Deine Herrlichkeit strahlt über den Himmel auf.
Dem Geschrei von Säuglingen und Kindern
hast du Macht verliehen über deine Widersacher.
Feinde und Rachgierige werden ferngehalten.
Schaue ich hinauf zum Himmel,
staune ich über das Werk deiner Finger.
Betrachte ich den Mond und die Sterne,
die du dort oben befestigt hast, so frage ich:
Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst?
und des Menschen Kind, dass du dich seiner
annimmst?

Kaum geringer als Gott –
so hast du den Menschen geschaffen.
Mit Herrlichkeit und Würde hast du ihn gekrönt.
Die Werke deiner Hände hast du ihm anvertraut.
Alles hast du ihm zu Füßen gelegt:
Schafe, Ziegen und Rinder – alle zusammen,
und dazu die wilden Tiere auf dem Feld.
Die Vögel am Himmel und die Fische im Wasser
und was sich sonst in den Meeren bewegt.
Herr, unser Herrscher,
wie machtvoll klingt dein Name auf der ganzen Erde!


Dieser Psalm ist ein begeisterter und staunender Lobpreis Gottes, der sich als so herrlich in der Welt zeigt. Und in gewisser Hinsicht können wir sofort zustimmen:
Wenn ich sehe den Himmel, deiner Finger Werk,
den Mond und die Sterne, die du bereitet hast …

Selbst für Menschen, die dem christlichen oder jüdischen Glauben fremd gegenüberstehen, ist doch, wie sie sagen, »Gott in der Natur« begreifbar und bewundernswert. Sie sehen den Himmel und staunen, sie gehen durch den Wald und atmen auf, sie pflanzen einen Garten und finden in ihm glückliche Momente.

Und nicht nur die einfachen Menschen empfinden es so, selbst die klügsten Naturwissenschaftler erkennen, je mehr sie wissen, desto respektvoller diesen großen Geist an, der alles so weise geordnet hat.
Für uns kommt dann aber schnell ein großes, bedenkliches »Aber«: Aber – was ist der Mensch? Der Mensch mit seinen Zerstörungen, seinen Kriegen, seinen Ungerechtigkeiten, seiner Ausbeutung der Natur! Der Mensch scheint ja in dem ganzen Gebilde eher eine missliche Entwicklung zu sein: oberschlau, gewissenlos, zerstörerisch. Also kann es wohl doch keinen so weisen Gott geben, sonst hätte er dieses Letzte der Geschöpfe doch nicht entstehen lassen.

Auch der Psalm stellt die Frage: Was ist der Mensch?
Denn auch damals war es offensichtlich, dass der Mensch eine zweifelhafte Rolle spielt im Weltgeschehen; dass es viele Gegner Gottes gibt und Menschenverächter, viele Rachgierige
und Ausbeuter. Die Welt war damals nicht besser als heute. Darum horchen Sie noch einmal auf die Frage:
»Was ist der Mensch?«
Wenn ich sehe den Himmel, deiner Finger Werk,
den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Auch hier die Frage: Was ist der Mensch? Aber von einem anderen Blickpunkt her: Wenn Gott das ganze Universum so großartig gestaltet hat, wie kann er dann auf diesen kleinen, kümmerlichen Menschen noch freundlich blicken, wie kann er sich dieses »Menschleins« noch annehmen? Der Mensch ist doch so ein winziges Pünktchen in dieser großen Welt, unter diesem riesigen Himmel. Was kann Gott mit ihm zu tun haben?
Und noch mehr: mit einem einzelnen »Menschlein« zu tun haben?

Und dann kommt diese atemberaubende Aussage über den Menschen:
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Empört wenden wir ein: Da haben wir’s wieder, diese Arroganz
des Menschen, der sich für Gott hält, für die Krone der Schöpfung! Das ist es ja gerade, was die Erde kaputt macht, dieser aufgeblasene, sich für Gott haltende Mensch!

O ja, Recht hätten wir, wenn wir selber die Aussage über uns machen würden. Aber es ist ja eine Aussage, die uns zugesprochen wird. Das ist ein Unterschied.

Wenn jemand von sich selber sagt: Ich bin der größte Künstler aller Zeiten! – dann ist er ein eingebildeter, arroganter Typ und sehr mit Vorsicht zu genießen.
Wenn aber Kritiker über einen Künstler sagen: Das ist der größte Künstler aller Zeiten! – dann ist das etwas anderes.
Und wenn der Künstler dann sagt: Ach nein, ich erfülle doch nur meine Aufgabe! – dann ist er vielleicht wirklich der größte Künstler.

Wenn ein Vater sagt: »Ich bin der beste Vater, den du haben kannst, sei mir gefälligst dankbar!« – dann ist von vornherein die Beziehung verdorben.
Wenn aber das Kind zum Vater sagt: »Du bist der beste Papa der Welt!« und der Vater sagt: »Ach nein, mein Kind, ich liebe dich nur einfach so sehr!« – dann ist er wirklich ein wunderbarer Vater.

So ist es auch mit der Herrlichkeit des Menschen. Wenn der Mensch von sich selber meint, er sei schon fast wie Gott, dann ist bereits all das Böse angelegt, was er tun wird: die Ausbeutung, die Unmenschlichkeit, die Rücksichtslosigkeit; weil er sich selber zum Alleinherrscher erklärt, der niemandem verantwortlich ist. Wenn aber Gott von dem Menschen sagt: »Schau, kleiner Mensch, ich kröne dich mit Vernunft, mit Mitleidsfähigkeit, mit Verantwortungsgefühl, mit Geschicklichkeit; ich traue dir zu, dass du mit deinen Talenten die gute Gabe Schöpfung fast so gut wie ich pflegen und bewahren kannst, dass du ein fürsorglicher Herrscher sein kannst fast wie ich …« – dann ist über den Menschen etwas Großes gesagt, und es ist eine große und verantwortungsvolle Aufgabe, die ihm da gestellt ist.
Und wenn dann der Mensch sagt: »So etwas Großes traust du mir zu, Gott, obwohl ich nur ein kleines Menschenkind bin?«, dann sind die Chancen sehr gut, dass aus dieser Geschichte
etwas Gutes werden kann.

Und so ist der Psalm auch gemeint. Es ist ein Psalm, der darüber staunt, dass Gott dem kleinen Menschen so viel Macht
gegeben hat.

Besonders deutlich wird es am Anfang ausgesprochen:
Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge
hast du eine Macht zugerichtet
um deiner Widersacher willen,
um ein Ende zu bereiten dem Feind und dem Rachgierigen.

Wir stolpern erst mal über diesen Satz. Der Kindermund soll
eine Macht sein gegen Gottes Widersacher? Wie soll denn das zugehen?

Jesus nimmt einmal diesen Satz auf, als die Leute sich aufregen, dass Kinder ihn mit einem Mordsgeschrei begrüßen; sie schimpfen, die Kinder sollten den Mund halten. Aber Jesus tritt für die Kinder ein. Aus ihrem Mund kommt die Wahrheit. Der Volksmund weiß ja auch von der manchmal unerwünschten Wahrheitsliebe der Kinder. Sie sagen direkt, was sie meinen, sie nehmen sehr klar eine Wirklichkeit wahr, die wir Erwachsenen gerne geheim halten würden (man nennt
das heute die »Familiengeheimnisse«, die trotz aller Geheimhaltung in den Kindern weiterwirken).

Und auch was die Wirklichkeit Gottes angeht, haben Kinder ein großes Gespür: Sie können sich noch vorstellen, dass Gott reden kann und Wunder tun, sie fühlen noch, dass sie von Gott herkommen und die Tür zu ihm sehr nah und einen Spaltbreit offen ist.
Die Kinder werden immer wieder träumen von der Welt, in der das Gute siegt und eine göttliche Macht das Gefangene erlöst.

Wenn wir die Herrlichkeit Gottes im Menschen sehen wollen, dann müssen wir zuerst die kleinen Menschen anschauen:
die vertrauensvolle Anhänglichkeit der Dreijährigen, die Lebensfreude der Spielenden, den Leseeifer mancher Schulkinder und die Versonnenheit der Musizierenden.

Und dann können wir Gottes Herrlichkeit auch in manchen Großen sehen: in dem liebevollen Blick einer Mutter und eines Vaters, in dem hingegebenen Spiel eines Musikers, in dem durchgeistigten Blick eines Wissenschaftlers, in dem gütigen Blick eines religiösen Menschen.

Die Herrlichkeit Gottes scheint in dem Menschen auf, der sich nicht selber groß macht, sondern Gott und seine Wahrheit in sich groß werden lässt: in der Liebe, in der Erkenntnis, in der Kunst, im Glauben.

Es ist kein Zufall, dass der 8. Psalm in der Mitte einer Psalmenreihe steht, die von bedrängten, Hilfe suchenden Menschen handelt: von verfolgten, schuldbewussten, schlaflosen Menschen, die Gott um Hilfe anflehen. Und dann mittendrin dieser Psalm, der von der Würde und Herrlichkeit des Menschen handelt. Denn es ist der kleine Mensch, dem Gottes Würde und Ehre zugesagt werden. Es ist der zwischen Verletzlichkeit und Überheblichkeit lebende Mensch, der eine göttliche Macht in sich trägt und am Ende der Stärkere sein wird.

Die Würde des Menschen mussten wir Europäer erst über viel Gewaltgeschichte entdecken. Gott hat sie schon von Anfang an dem Menschen zugesprochen.

„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ Hat er wirklich so gefragt, der einmal so fragte? Hat er seine Frage wohl ernstgenommen? Wenn ja, dann hat er sich die Antwort eigentlich schon selbst gegeben. “Was ist der Mensch?“ – Dass du seiner gedenkst! Das ist der Mensch! Das macht seinen Wert aus. Dem verdankt er seinen Ursprung.

Was wären wir, was wären Frieda und Lorenz, wenn sie das nicht wären: ein Gedanke Gottes, gedacht vielleicht im Augenblick des Schöpfungstages, Wirklichkeit geworden jetzt in Raum und Zeit und unvergessen bis zum Tag der Vollendung.
„Was ist der Mensch?“ Ich vermute, dass der Psalmbeter diese Frage mit einem wissenden Lächeln stellt. Dass er im tiefsten seines Herzens weiß, was der Mensch ist: ein Gedanke Gottes nämlich – und – wie ich vermute – ein besonders schöner und glücklicher Liebesgedanke Gottes.