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Predigt vom 22.10.17

Predigt zu Markus 1, 32-39 am 22.10.17 in Wilhlmf. / Heilig.
19. Sonntag nachTrinitatis

Jesus hat eine Mission: Er will Menschen mit dem Reich Gottes in Berührung bringen


Einer stiehlt sich davon, liebe Gemeinde. Noch vor Sonnenaufgang. Sehr darauf bedacht, die anderen nicht zu wecken, schleicht er aus dem Haus.
Draußen ist es noch düster, und alles ist still. Er geht einen Schritt schneller, damit ihn die Helligkeit nicht einholt. Er will ungesehen bleiben. Und allein. Durch die engen Gassen. Raus aus der kleinen Stadt.
Er sucht. Er sucht einen einsamen Ort, eine Stelle, an der er ungestört ist.
Er kommt an. Er setzt sich, kauert sich hin. Es ist kalt, und die Sonne ist noch nicht zu sehen. Er kommt an und hört in sich hinein.
Da toben sie alle noch. Die Menschen, die ihm gestern begegnet sind. Die Leute, die auf ihn eingeredet haben. Die ihre Bedürfnisse, ihre Not, ihr ganzes Leid vor ihm aufgetürmt haben. Da sind sie, vor seinem inneren Auge, die Gesichter: Eine Frau mit schmerzzerfurchten Zügen. Ein Mann mit stumpfem Blick. Eine, die die Augen keinen Moment lang still halten kann, die wie in Panik ist. Ein Paar Hände, von denen die Haut fast abfällt. Ein Kind, das unverständliche Worte und Sätze brüllt. Dazwischen ruhige, apathische Menschen, die auf nichts reagieren. Sie und alle anderen tauchen vor seinen Augen auf. Er hat ihnen helfen können. Aber wohin soll das gehen?
Sie wollen so viel. Weil sie so viel brauchen. Und er kann der sein, der ihr ganzes Elend auflöst.
Doch er könnte aus den Augen verlieren, wieso er hier ist. Er könnte vergessen, was er vorhat. Er könnte sich von dem Leiden der Leute korrumpieren lassen, sich als neuer Wunderheiler feiern lassen.
Er beginnt zu reden. Mit Gott. Er betet. Er betet, bis seine Freundinnen und Freunde ihn finden.
Hören Sie, wie Markus diese Situation aus der Anfangszeit Jesu in Galiläa beschreibt:

Lesung Mk. 1,32-39

Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachten die Leute alle Kranken und die von Dämonen besessenen Menschen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt. Die Menschen litten an den unterschiedlichsten Krankheiten. Jesus heilte sie alle und vertrieb viele Dämonen. Er ließ die Dämonen nicht zu Wort kommen, denn sie wussten,
wer er war.
Am Morgen, als es noch dunkel war, verließ Jesus die Stadt. Er ging an einen einsamen Ort und betete dort. Simon und die anderen kamen ihm nach. Als sie ihn gefunden hatten, sagten sie zu ihm: »Alle suchen dich.« Er antwortete ihnen: »Wir gehen woanders hin, in die Dörfer hier in der Gegend. Ich will auch dort das Evangelium, die Gute Nachricht verkünden, denn dazu habe ich mich auf den Weg gemacht.« Jesus zog durch ganz Galiläa. Er verkündete die Gute Nachricht in den Synagogen und er vertrieb die Dämonen.

„Denn dazu habe ich mich auf den Weg gemacht“, sagt Jesus. Um zu predigen. Und zwar nicht nur hier, in Kapernaum, sondern im ganzen Land.
Sind ihm die Worte wichtiger als die Taten? Warum sagt er das? Warum bleibt er nicht noch und entreißt noch mehr Menschen der Isolation, in die sie geraten sind, weil ihre Krankheiten und ihr Körperbau nichts Gutes für ihre Umgebung bedeuten?
Er zieht sich zurück, er geht woanders hin. Er geht einen Schritt
weiter. Er möchte nicht ihr Wunderkönig sein. Er will nicht für das gefeiert werden, was er tut. Er könnte ungeheure Macht haben, über Menschen und über ihr weiteres Schicksal.
Er könnte einer dieser Götter in Weiß sein, die einem alles erzählen können, weil ihnen der Ruf vorauseilt, auf ihrem Gebiet die Spezialisten schlechthin zu sein.
Er könnte hoffen, dass sie ihm alle nachlaufen und dass sie ihm
alle glauben, weil er sie geheilt hat.
Er könnte hoffen, dass sie es sind, die ihn verstehen werden.
Er könnte hoffen, dass seine Wunder eindeutig sind.
Er könnte es sich so einfach machen...
Doch er, Jesus, geht woanders hin.
Kein Gott im weißen Kittel, der sich hofieren ließe.
Er geht einen Schritt weiter. Er geht, um anderswo im Land zu
predigen. Überall im Land.
Er predigt und vertreibt Dämonen. Er redet und handelt. Beides
gehört zusammen.

Wenn die Menschen nun erleben, dass Jesus machtvoll redet und machtvoll handelt, indem er kranke Menschen gesund macht, dann kommen ganz grundsätzliche Sehnsüchte und Hoffnungen ans Tageslicht.
Denn die großen und tiefen Erwartungen der Menschen bekommen auf einmal nicht nur neue Nahrung, sondern eine klare und personale Adresse.
Wohin mit der Sehnsucht nach Gesundheit, nach Unversehrtheit, nach innerer und äußerer Freiheit?
Das war bislang ein sehr zielloses Suchen. Aber jetzt ist es doch offensichtlich. Jetzt wissen die Menschen, wohin mit diesen unheilbaren und heillosen Fällen.
Sie bringen die Kranken und Besessenen zu Jesus, legen sie ihm sozusagen vor die Füße. Sie drängen sich um ihn, so wie sich heute Hungernde in Somalia, in Süd-Sudan, im Jemen und anderswo um UNO-Hilfskonvois drängen.

Aber Markus, der Erzähler legt Wert darauf, zu betonen:
Nicht Jesu Heilungspraxis soll ihn als Gottes Sohn ausweisen. Um der kranken Menschen willen handelt Jesus so wie er handelt und nicht, um seine Gottessohnschaft zu beweisen.
Und deshalb verbietet er den geheilten Menschen, dass sie das, was sie bei ihm und mit ihm erfahren haben ‚propagandistisch' weitererzählen. Er will nicht auf die Rolle des Wunderheilers festgelegt werden. Jesu Vollmacht als der lebendige Sohn Gottes Sohn ist darin begründet, dass Gott ihm bei seiner Taufe seine Liebe geschenkt hat und dieser Liebe, diesem Wohlgefallen kann er sich im Gebet, ja, ‚am einsamen Ort', immer neu vergewissern.
Aber dass er nun die Hinweise der Jünger, dass die Menschen ihn brauchen, ihn suchen, völlig unkommentiert lässt und sie auffordert, anderswo hin zu gehen, in andere Städte - das muss nachdenklich machen.
Wer ist dieser Jesus und wozu ist er gekommen? Was ist seine Mission und wie füllt er sie aus?
Die schroffe Abkehr von Kapernaum, so schmerzhaft und scheinbar unverständlich sie für die Betroffenen sein muss, weitet das Missionsfeld Jesu. Nicht nur an einem Ort alle Kranken gesund machen ist seine Mission, sondern an vielen Orten möglichst viele Menschen mit dem Reich Gottes in Berührung bringen. Viele Menschen sollen hören, was Gott den Menschen zu sagen hat - sein Reich ist da.
Jesus lebt das Reich Gottes, indem er sich den Menschen zuwendet, indem er Sünden vergibt, indem er zeigt, dass unsere Wertmaßstäbe von gelingendem oder gescheitertem Leben nicht zutreffen, dass Gesundheit - anders als der Volksmund behauptet - eben nicht die Hauptsache ist. Auch kranke, behinderte, leidende, besessene Menschen haben Zugang zur Hauptsache - nämlich dem Leben im Reich Gottes. Dazu muss seine Botschaft unter die Leute - überall. In Kapernaum, aber nicht nur da, in Galiläa, aber nicht nur da - weiter muss sie, zunächst durch Jesus, dann durch seine Jünger und schließlich durch alle, die in Jesus Christus den Weg des Gottesreiches entdeckt haben.

Wie die Menschen ihre kranken Verwandten zu Jesus gebracht haben, so bringen wir als Botschafter durch unseren Glauben und unser Vertrauen Hinweise unter die Menschen, wo es den Helfer für unser Leiden gibt.

Wir vertrauen auf seine Macht zu heilen - gegen alle menschliche Vernunft und Erfahrung und vertrauen darauf, dass auch wer nicht wieder gesund wird, keineswegs vom Leben abgeschnitten wird. Wir stellen uns in Liebe zu solchen Menschen, schenken ihnen Nähe und Zuwendung, begleiten sie mit Taten und guten Worten.

Das scheinbar abweisende Verhalten Jesu genauso wie all unsere unerfüllten Erwartungen und Enttäuschungen des Glaubens halten uns nicht davon ab, wie die Jünger Jesus zu folgen. Vieles ist unverständlich auf diesem Weg, viele Fragen bleiben offen, manches ist sogar ärgerlich - und doch ist dieser Jesus unser Zugang zum Reich Gottes.
Seine Worte und seine Taten sind bei uns angekommen und lassen uns ahnen, wie es im Reich Gottes zugeht und uns darauf freuen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und sinne in Jesus Christus.
Amen.