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Predigt vom 29.10.17

Predigt zu 1. Mose 8, 18-22 am 29.10.17 in Wilhelmsfeld
20. Sonntag nach Trinitatis


Als Noah aus der Arche stieg

Nachdem die Erde wieder trocken war, sagte Gott zu Noah: „Verlass die Arche mit deiner Frau, deinen Söhnen und deinen Schwiegertöchtern! Lass auch alle Tiere hinaus, die in der Arche sind, die Vögel, die großen Landtiere und alles, was am Boden kriecht. Es soll wieder von ihnen wimmeln auf der Erde; sie sollen fruchtbar sein und sich vermehren auf der Erde.“ Da ging Noah mit seiner Familie aus der Arche, und auch die Tiere kamen heraus, alle die verschiedenen Arten.
Dann baute Noah Gott, dem Herrn einen Altar, nahm von allem reinen Vieh und allen reinen Vögeln und ließ sie als Brandopfer vom Altar aufsteigenden, so dass Gott den beruhigenden Duft roch. Da sagte zu sich selbst: „Ich will die Erde nicht noch einmal bestrafen, nur weil die Menschen so schlecht sind! Alles, was aus ihrem Herzen kommt, ihr ganzes Denken und Planen, ist nun einmal böse von Jugend auf. Ich will nicht mehr alles Leben auf der Erde vernichten, wie ich es getan habe.
Von jetzt an gilt:
Solange die Erde besteht sollen nicht aufhören
Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter,
Tag und Nacht.“

Liebe Gemeinde,
leben wir vor oder nach der Sintflut? Oder gar nach dem Motto: „Nach uns die Sintflut“?
Diese Fragen legen sich nahe, wenn wir die soeben gehörte Geschichte von der Arche Noah mit den Erkenntnissen des Max-Planck-Institutes für Klimaforschung vergleichen. Hier, am Schluss der Sintfluterzählung, die optimistische Aussicht, dass es auf dieser Erde so weiter gehen wird, als wäre nichts geschehen. Dort, auf den Computern der Hamburger Forscher, die Schreckensszenarien über die Folgen der Erderwärmung, gegenüber denen die Hurrikans der letzten Wochen und Monate harmloses Gesäusel sind.

Was also ist von der Zusage Gottes zu halten, dass er künftig nicht mehr alles Leben auf der Erde vernichten will, wenn immer wieder Menschen dem Tod und Verderben durch bebende Erde und sintflutartigen Regen ausgesetzt sind? Hat es da überhaupt noch einen Sinn, über Noah und seine Arche nachzudenken?

Gewiss, die Erzählung von der Sintflut ist uralt. Und doch trägt sie auch sehr neue, aktuelle Züge. Schauen wir sie uns genauer an:

Noah verlässt die Arche, die ihn über 40 Tage und Nächte vor der Zerstörungskraft der Sintflut bewahrt hat, und kehrt auf die Erde (und nicht etwa ins Paradies) zurück – ein Auszug aus dem behüteten Schutzraum in die raue Wirklichkeit dieser Welt, in die Welt von Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht – auch von Leben und Sterben.

Der Tod, der den Noah unweigerlich ereilt hätte, wenn er in der Arche eingeschlossen geblieben wäre, wird überwunden –neues, unbekanntes Leben steht bevor, in das Noah nun einzieht.

Drei Beobachtungen zu diesem alten Text mögen helfen, dieses Leben zu skizzieren.

Die erste Beobachtung:
Als sich die Arche öffnet, ist es Noah, der als erster seine Füße auf trockenes Land setzt, gefolgt von seiner Familie und den verschiedenen Arten der Tiere. In den Händen hat er nichts: kein Gold, keine Schatztruhen, keine Vorratskisten. Das alles hatte in der Arche keinen Platz gefunden, denn Noah sollte bekanntlich nur vom „Lebendigen“ mitnehmen. Gold und alles, was sich sowohl in alten Schatztruhen als auch in neuwertigen Tresoren von heute befindet, verlieren in der Extremsituation der Sintflut ihren Wert und nützen beim Neuanfang nicht viel.

Überleben soll nach Gottes Willen nur das „Lebendige“, das sich fortpflanzen kann und das dabei angewiesen ist auf einen Partner, auf eine Partnerin, auf die Gemeinschaft aller Geschöpfe. Und nur durch das Lebendige kann sich das entwickeln, was zum sozialen, menschlichen Miteinander auf dieser Erde unerlässlich ist: die Liebe. An ihrer Wirklichkeit entscheidet sich auch bei heutigen Katastrophen, wie wir Menschen mit den Erschütterungen fertig werden – ob wir durch Liebe neue Solidarität entdecken oder durch enthemmte Plünderungen, also durch den Versuch Schätze zu sammeln, die Zerstörung noch vergrößern.
Wer sein Leben als Geschenk wahrnimmt und sich freuen kann über Bewahrung oder Rettung vor Katastrophen, dem sollen die Augen aufgehen für die Not anderer Menschen. Der Regenbogen, den Gott zum Schluss in die Wolken setzt und der die ganze Welt umspannt, erinnert uns daran, über den Tellerrand unserer Sorgen und unserer Probleme hinaus auf die größere Not unserer Mitmenschen in der Nähe und der Ferne zu blicken und die Frage zu stellen, was wir tun können, um ihre Not zu wenden - oder wenigstens zu lindern.

Die zweite Beobachtung:
Noah feiert einen Gottesdienst. Mehr nicht. Und dazu baut er einen Altar, der nur eine Funktion hat: dem Gott zu dienen, der ihn selbst und die Mitgeschöpfe gerettet hat. Der Gottesdienst, den Noah feiert, ist absolut zweckfrei. So wie jeder Gottesdienst und auch jeder Gottesdienstbesuch zunächst einmal zweckfrei und absichtslos sein sollte. Man muss nichts wollen und nichts sollen. Wir dienen Gott nicht, um irgendeines Vorteiles willen. Noah will mit seinem Opfer Gott nicht irgendwie günstig stimmen. Er stellt in seinem Gottesdienst auch keine Überlegungen darüber an, was er alles tun muss, um eine ähnliche Katastrophe wie die Sintflut zu verhindern.

Davon können wir nur lernen. Wer Gottesdienst feiert, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, der wird enttäuscht werden. Die Welt wird auch nach diesem Gottesdienst nicht viel anders aussehen als vorher. Daran ändern weder die Gebete, noch unsere Lieder, noch die Musik etwas.
Nein, Noah feiert seinen Gottesdienst aus einem einzigen Grund: als Antwort auf Gottes rettendes Wirken, auf seinen Dienst an den Menschen. Er feiert ihn als Lob- und Dankgottesdienst an der entscheidenden Wende: als er nämlich den Schutzraum der Arche verlässt und in die Schutzlosigkeit der Erde wieder zurückkehrt.

Nichts anderes tun wir am Beginn der neuen Woche, am Beginn des neuen Lebens: Wir bitten Gott um seinen Segen, wenn wir die Arche Kirche, diesen sonntäglichen Schutzraum, wieder verlassen und in die Schutzlosigkeit des Alltags eintreten, wenn ein Kind den Mutterleib verlässt und eintaucht in die raue Wirklichkeit dieser Welt oder wenn wir ein Tauffest feiern so wie heute. Dann ist es wichtig, dass wir uns Gott überlassen, dass wir uns bewusst werden: Wir können zwar eine Menge tun für die Erhaltung der Erde, bei der Erziehung unserer Kinder. Aber unser Leben und Überleben hängt von Gottes Segen ab. Gott ist es, der diese Welt in seinen Händen hält, nicht wir. Das verändert zunächst die Welt nicht, aber unsere Anschauung von dieser Welt und auf diese Welt.

Die dritte Beobachtung:
Die Stimme Gottes, die bei Noahs Gottesdienst zitiert wird, wendet sich nicht an Noah, sondern sie gibt ein Selbstgespräch wieder:
Gott sagte zu sich selbst: „Ich will die Erde nicht noch einmal bestrafen, nur weil die Menschen so schlecht sind! Alles, was aus ihrem Herzen kommt, ihr ganzes Denken und Planen, ist nun einmal böse von Jugend auf.

Das ist schon erstaunlich: Gott begründet seine Selbstverpflichtung nicht damit, dass er Hoffnung in Noah setzt, dass er ihn für sein Wohlverhalten belohnt. Vielleicht hätte sich das so angehört:

Weil du, Noah, mir nun gehorsam warst; weil du es geschafft hast, über 40 Tage und 40 Nächte auf engstem Raum mit Mensch und Tier in Frieden zu leben - und das ist schon eine Leistung!, und weil du mir einen so schönen Gottesdienst bereitet hast, darum verspreche ich dir: Ich werde niemals mehr über die Erde eine Sintflut kommen lassen.
Nein - Gott begründet sein Versprechen, den Lebenskreislauf der Erde zu bewahren, mit den gleichen Worten, mit denen er zuvor die Unausweichlichkeit der Sintflut begründet hatte:
Alles, was aus dem Herzen der Menschen kommt, ihr ganzes Denken und Planen, ist nun einmal böse von Jugend auf.

Das heißt nichts anderes: Gott rechnet auch nach der Sintflut mit dem Versagen der Menschen und macht darum das Gutsein der Menschen nicht zur Voraussetzung für sein Umdenken.
Verbirgt sich hinter dieser Aussage nicht ein zu pessimistisches Menschenbild?
Nein, so müssen wir leider zugeben, es ist eher realistisch. Zwar werden sich die Menschen um Noah zunächst bemüht haben, die Fehler, die zur Sintflut geführt haben, zu vermeiden. Aber wie lange halten solche guten Vorsätze nach einer Katastrophe? Wie schnell fallen wir wieder in alte Verhaltensweisen zurück? Hiroshima und Nagasaki haben ja nicht die atomare Bedrohung beendet und die drastischen Folgen der Erderwärmung haben bis jetzt nicht dazu geführt, den Energiebetrieb grundsätzlich umzustellen.

Gott aber macht sein Handeln nicht mehr abhängig vom Wohlverhalten von uns Menschen. Darum sollten wir uns hüten, Katastrophen vorschnell als Strafe Gottes für bestimmte Verhaltensweisen zu deuten - so wie dies fundamentalistische Prediger immer wieder tun. Vielmehr sollten wir dankbar für die Gnade Gottes sein, dass er nach der Sintflut den Menschen nicht mehr mit Strafen zu bändigen oder zu disziplinieren versucht.

Das ist die Urform des Evangeliums: Obwohl Gott allen Grund hat, den Menschen fallen zu lassen, bewahrt er das Leben des Menschen. Er sagt uns Menschen zu: Solange diese Erde besteht, wirst du, Mensch, unabhängig von deinem Tun und Lassen Lebensbedingungen vorfinden, die dir Leben ermöglichen.
In der Dauer, im Bestehenbleiben, wird Geschichte verheißen, unsere Geschichte. Eine Geschichte, in der das Leben bejaht ist. Darum redet Gott.
Oder anders gesagt: Die naturhaften Bilder der Dauer, des Lebens fangen den „Traum“ Gottes von dieser Welt ein. Einen „Traum“, in dem Menschen leben können und nicht umkommen müssen. Geschichte hat Zukunft.
Was kann menschliches Leben dann anderes sein, als der Versuch, dem „Traum“ Gottes recht zu geben? Von Gott in dieser Welt reden heißt: Hoffnung haben, die Hoffnung nicht aufgeben, für die Hoffnung leben, dass wir – im großen oder kleinen, wo immer jeder steht – nicht am Ende sind. Der Name Gottes ist also für eine menschliche Welt in Anspruch zu nehmen.
Das wird ja dann nicht nur für Ackerbau und Viehzucht gelten. Sondern nicht minder:
- für die Art und Weise, wie wir mit der Natur umgehen: Umweltschutz;
- für die Art und Weise, wie wir unser Zusammenleben im Gemeinwesen verwirklichen: Kommunalpolitik;
- für die Art und Weise, wie die Völker und Staaten, reiche und arme, starke und schwache, sich gegenseitig das Leben ermöglichen: Weltinnenpolitik.

Ein Letztes:
Ich finde, wer die Wirklichkeit des Lebens erfassen will, kommt an der Noah-Geschichte nicht vorbei. Denn sie legt offen, wie wir unser Leben verstehen und deuten können – auch angesichts der Katastrophen. Und da macht es schon einen Unterschied, ob wir nach dem Motto leben: nach uns die Sintflut oder ob wir die Verheißung Gottes annehmen, dass wir unser Leben im Rhythmus von Werden und Vergehen verantwortlich gestalten können.

Dazu sind zwei Dinge nötig:
so wie Noah Gottesdienst zu feiern und so wie Noah mit dem Zuspruch und im Segen die Arche, unsere Schutzräume, immer wieder zu verlassen und - wie es in einem Lied aus unseren Tagen heißt – „in Gottes Namen heilen, was verletzt ist, stärken, was geschwächt ist, hüten, was lebendig ist wie einen Augapfel, wie mein Kind, wie eine Quelle in Gottes Namen.“

Amen.