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Predigt vom 05.11.2017

Predigt zum Gedenktag der Reformation
am 5.11.17 in Wilhelmsfeld

 

Wir sind geschickte Leute – Reformation und Mission

Liebe Gemeinde,
vorweg die amüsante aber auch zum Nachdenken über Kirche anregende Geschichte eines Pfälzer Kollegen:
„Es geschah an einem sonnigen Sonntagmorgen. Ich hatte in der Südpfalz die Vertretung für einen Kollegen übernommen. Um 10.00 Uhr sollte der Gottesdienst beginnen. Ich fuhr etwas früher los, um die Lokalitäten und Besonderheiten vor Ort ohne Zeitdruck zu erkunden.
Als ich an der Kirche anfuhr, stand da ein großer Reisebus aus Norddeutschland. Donnerwetter, dachte ich, das ist ja vielversprechend.
Nun wusste ich, dass diese schmucke kleine Kirche mit ihrem besonders ansprechend gestalteten Kirchenfenstern öfters Touristenscharen anzieht, aber am frühen Sonntagmorgen, rechtzeitig zum Gottesdienst – das versprach spannend zu werden.
Ich stieg also erwartungsfroh aus dem Auto und lief, den Talar überm Arm, auf die Kirchentür zu, öffnete und trat ein.
Da saß eine ganze Reisegruppe, schätzungsweise 50 – 60 ältere Herrschaften im Kirchenschiff und betrachteten unter Anleitung der Reiseleiterin die biblischen Motive der Glasfenster.
Als mich die etwas aufgeregt geschäftig wirkende Reiseleiterin hereinkommen sah, unterbrach sie abrupt ihre gewiss fachkundigen Ausführungen, musterte mich von oben bis unten, realisierte offenbar, dass es sich wohl um die besondere Gattung eines Geistlichen handeln musste, und rief laut:
„Um Gottes willen, wir müssen hier raus, gleich ist Gottesdienst!“
Die Leute schauten inzwischen auch alle zu mir her, ich winkte freundlich und möglichst unaufdringlich und lud möglichst unverkrampft zum Bleiben ein. Ich sagte, es gäbe heute auch nur eine kurze Predigt, dafür viele schöne Lieder und das wär´s dann auch schon. Vielleicht könnten wir ja zusammen mit der Gemeinde noch das eine oder andere Bild betrachten …
Aber meine Bemühungen waren völlig vergebens.
Die Leiterin stellte unmissverständlich klar, dass sie für so etwas überhaupt keine Zeit hätten und im Übrigen in der nahe gelegenen Stadtkirche ebenfalls ein Besichtigungstermin vereinbart sei.
Als dann unvermittelt die Glocken zu läuten begannen, hatte das in etwa die Wirkung eines plötzlich ausgelösten Feueralarms. Die Leute suchten den kürzesten Fluchtweg, nichts wie weg, hinein in den Bus, rette sich, wer kann.
Die wenigen Gottesdienstbesucher, die kamen, wunderten sich,
ich wunderte mich auch und sah dem Bus hinterher, wie er gerade noch rechtzeitig vor dem Gottesdienst heil davon gekommen war.“

Sind wir – vielleicht – ein Museum?, fuhr es mir bei dieser Geschichte durch den Kopf.
Sind unsere Kirchen nur noch antiquarisch wertvolle Touristenattraktionen, die man braucht wie Burgen, Schlösser und Ruinen, um zu sehen und zu bedenken: so ungefähr hat das einmal vorzeiten ausgesehen, als unsere Vorfahren noch zusammen kamen, um ihren Glauben zu feiern?
Sind wir letzte Überbleibsel einer christlichen geprägten Gesellschaft mit begrenzter Haltbarkeit?

Diese Frage zu erörtern würde wohl den Rahmen dieses Gottesdienstes sprengen. Stattdessen könnten wir ja einmal mutig etwas reaktivieren vom reformatorischen Geist unter uns, damit wir hier und heute geschickte Leute sind und werden und bleiben.
Dazu will ich einmal auf Luthers Art hinweisen, geschickt zu sein im Umgang mit den Leuten und ihrer Suche nach Hilfe und Halt in ihrem Leben.

Der Reformator war ein leidenschaftlicher Prediger – geschickt zu den Leuten.
Uns sind von ihm mehr als 2000 Predigten in Nachschriften erhalten. Ihm ging es vor allem darum, dass die Menschen anfangen zu verstehen, was Glaube meint, dass sie mündig werden und sprachfähig Auskunft geben können. Dass der Glaube nicht hinter Fremdwörtern und lateinischen Formeln versteckt wird und nur von eingeweihten Gelehrten und Sachverständigen entschlüsselt werden kann, sondern dass jedermann und jede Frau selbst den Schlüssel bei sich findet, um das Tor zum Glauben aufzuschließen.

Luthers Leistung, vor allem auch durch die Bibelübersetzung, ist es gewesen, mit den Vokabeln der Heiligen Schrift das Volk zu alphabetisieren.
Dabei hat er sich zum obersten Grundsatz gemacht, beim Reden von Gott eine Schnittmenge zu bilden mit dem Reden der Leute.
Im Sendbrief vom Dolmetschen schreibt er 1530: „Denn man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden soll, …; sondern man muss auf dem Markt danach fragen und den Leuten auf das Maul schauen, wie sie reden, und danach übersetzen …“

Und so hat er in seiner Predigtsprache immer Bilder, Situationen und Zusammenhänge gesucht und gefunden, die den Lebensalltag seiner Zeit abbildeten, und da hinein hat er die Praxis des Glaubens eingetragen, handhabbar für die Bewältigung des Alltags.
Theologische Erkenntnis und den Alltag der Leute zusammenzubringen, das war sein Bestreben. Ihm ging es bei der Predigtarbeit um natürlichen Anschauungsunterricht wie bei Jesus und dessen Gleichniserzählungen.

Dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, das adelt und würdigt den normalen Alltag und gibt ihm Aussagekraft und Mehrwert. Gott trägt sich ein und spricht uns an auf dem Boden der tagtäglichen Tatsachen. Auf Augenhöhe können wir deshalb miteinander über unseren Glauben reden.
Das ist Mission im Sinne von gewinnendem Reden und Handeln, nicht von oben herab, sondern mit Einfühlung und dem notwendigen Respekt.

Martin Luther war es wichtig, die Menschen immer als die anzusehen, die Gott noch aus ihnen machen will, und nicht auf das festzulegen, was sie jetzt sind.
Und wenn es darum geht, wie wir in den Himmel kommen können, ob wir uns das wohl irgendwie verdienen und erarbeiten könnten, dann kann Martin Luther ganz einfach sagen:
„Wenn das durch schwere Arbeit zu erreichen wäre, so würden auch Esel und Pferd das Himmelreich verdienen.
Es wird aber durch die Güte Gottes erreicht …“

Dass alles Geschenk, alles Gottesgabe ist, das machte er den einfachen Leuten auch einfach klar, indem er z.B. in einer Predigt am 11. Juli 1529 sagte:
„Deine beiden Augen, deine beiden Hände, alle deine Glieder, deine Kleider und all dein Hab und Gut: Es ist Gottes Gabe.
Das bedenke und sage ihm dafür Dank! Deine Kuh, deine Gans, dein Schaf, dein Vieh hat dir Gott gegeben. Sobald du sie ansiehst, danke Gott dafür …
Führt dich dein Pferd, trägt dich dein Wagen, so sollst du darin Gott, deinen Schöpfer erkennen. Denn mit deiner Kraft könntest du nicht ein einziges Körnlein aus der Erde hervorbringen …“

Keine theologischen Feldaufschwünge werden da den Leuten abverlangt, sie müssen nicht Theologie studieren. „Probieren geht über Studieren“, heißt das Motto.
Gottes Fingerabdrücke in meinem Leben entdecken, weil er schon längst in dieser Welt ist, in meiner Welt ist, darum geht es.
Wenn Luther z.B. das damals wie heute schwierige Thema Tod und Auferstehung anspricht, dann klingt das in einer Wochentagspredigt im August 1531 so:
„Aus nichts hat Gott alles gemacht, die überhelle Sonne hat er aus einem Nichts gemacht … Sollte er dann nicht auch einen toten Leib wieder erwecken und neu schaffen können? Du siehst vor deinen Augen, wie das Korn in einen Acker geworfen wird und stirbt und wie ein feiner grüner Halm daraus wächst und eine Ähre trägt mit vielen Körnern. Sollte Gott da nicht auch uns ein neues Leben geben können? … So könnte der Bauer aus seinem Acker sich eine eigene Bibel machen, dadurch, dass er das Evangelium von der Auferstehung der Toten an seinem Acker abliest …So mach deine Augen auf und sieh, was dich der Herr lehren will durch sein eigenes Werk, das du mit deinen Händen treibst.“

Liebe Gemeinde, es geht um das Hier und Heute, um das, was jetzt ist. Denn nicht die 500 Jahre zurückliegenden Ereignisse der Reformation sind entscheidend für heutiges Leben und Glauben in der Kirche. Viel wichtiger ist, ob ich hier und heute, in meinem Leben, das Wirken einer heiligen, göttlichen Macht spüre und erkenne. Und vor allem: ob ich dies auch gerade für die Brüche und Krisen meines Lebens sagen kann, oder für erlittene Gewalt und Bedrohung, für zu verantwortende Schuld – oder für das Unfertige meines Lebens und die offenen Fragen. Ob ich gerade auch da sagen kann: es gibt nicht für alles eine Lösung, es war und ist nicht alle so, wie ich es gerne hätte, und doch weiß ich mich getragen und gehalten von der göttlichen Kraft. Sie ermutigt mich dem zu trauen, was ich wahrnehme und erfahre. Sie spricht mir Wert zu. Sie ermutigt mich, in ihre bewältigende Kraft zu vertrauen.
Und wo dies geschieht, liebe Gemeinde, wo wir zu unseren Gefühlen und zu unseren Erfahrungen stehen, da werden wir auch erleben, dass uns dies stärkt. Wir werden selbstsicherer und gewinnen Zutrauen in unser Innerstes. Wir lernen, dem zu vertrauen, was wir im Verborgenen, insgeheim, erfahren und für richtig halten.
Und dies lässt uns wiederum mutiger werden nach außen. So geschah es z.B. den Männern und Frauen der Reformation, als sie mutig eine neue Sicht des Glaubens verfochten.

Es war und ist gerade dies das bleibende Verdienst der Reformation und der evangelischen Kirche: Menschen werden ermutigt, eigene Entscheidungen zu treffen, den eigenen Weg zu gehen, dem eigenen Gewissen zu folgen. Keine Institution, keine Lehre, kein Dogma kann uns das abnehmen: für das eigene Leben die Verantwortung zu übernehmen.
Und das geht nach Luther am besten, wenn ich, wie gesagt, Gottes Fingerabdrücke in meinem Leben erkenne und Vertrauen zu ihm entwickeln kann.

Für den Prediger Martin Luther bedeutete das:
Den Himmel mit der Erde erklären, Annäherungsversuche an das Unnahbare wagen, d.h. missionarisch mit den Bildern und Klängen des Alltags Gottes Dabeisein andeuten, beschreiben, bewundern und mit einer menschenfreundlichen Sprache die Menschenfreundlichkeit Gottes zum Thema machen.

Das sollte immer wieder auch unsere erklärte Absicht sein, wenn wir mehr als ein Museum werden wollen, wenn wir zur Reformation bereit sind, wenn wir uns neu formieren und sortieren als geschickte Leute, deren erklärte Bestimmung es ist, Licht und Salz zu sein und nicht geschmacklose Nachtschattengewächse, die sich heraushalten aus dem real existierenden Werktag des Lebens.

Dafür, finde ich, ist der Reformator immer noch gut, uns das vorzumachen und anzumahnen, dass wir menschlich über Gott mit den Menschen reden. Wie sollte es denn auch anders gehen?

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.