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Predigt vom 12.11.17

Predigt zu Lk.11, 14-23 am 12.11.17 in Wilhelmsfeld
Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr Visitation

Aufstehen. Mundaufmachen

Einmal hatte Jesus einen stummen Menschen frei gemacht von einem Dämon. Und als der ihn verlassen hatte, redete der Stumme. Die Leute staunten. Aber einige sagten: „Mit Hilfe von Beelzebul, dem Obersten der dämonischen Mächte, treibt er die Dämonen aus.“ Jesus aber erkannte ihre Gedanken und sprach: „Jedes Reich, das in sich gespalten ist, wird verwüstet und Haus für Haus stürzt ein. Wenn aber die satanische Macht in sich gespalten ist, wie kann dann ihr Reich bestehen? Denn ihr sagt doch, dass ich die Dämonen mit Hilfe Beelzebuls austreibe. Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so kann das nur eines bedeuten: das Reich Gottes ist zu euch gekommen!

Liebe Gemeinde,
einen Menschen zu finden, mit dem ich über alles reden kann, das gehört zu den großen Glückserfahrungen im Leben. Wenn es mal gelingt – und sei es nur für einen Abend, dass wir uns wirklich aussprechen können, dann ist das wie ein Wunder, das uns für eine ganze Weile belebt und dankbar stimmt. Denn im Alltag gibt es immer Bereiche, die verschwiegen bleiben. Grenzen des Sagbaren, die uns die andern setzen durch die Art, wie sie uns begegnen. Grenzen, die wir uns auch selber setzen, weil wir nichts riskieren wollen. Weil wir oft genug die Erfahrung gemacht haben: Es ist besser, bestimmte Dinge nicht anzusprechen. Wahrscheinlich hat das schon ganz früh angefangen: Ein gewisser Ton in der Stimme der Mutter oder des Vaters ließ uns innerlich zusammenknicken und verstummen.
Manche Menschen haben so böse Erfahrungen gemacht, dass sie überhaupt nichts mehr sagen, so wie der verstummte Mann in unserer Geschichte, einer, den eine Übermacht feindlicher Erfahrungen erstickt hatte. Und dieser Mann spürt nun: der Mann aus Nazareth ist nicht verwickelt in das System von Einschüchterungen, das diese Welt beherrscht. Von seiner Freiheit lässt er sich anrühren.

Diese Befreiung wird allerdings äußerst knapp berichtet. Nähere Umstände werden nicht erwähnt. Auch lässt die Kürze der Darstellung keine Rückschlüsse darauf zu, was den Mann zum Verstummen gebracht hat. Stummheit kann ja viele Gründe haben. Außerdem ist Stummheit nicht nur ein Phänomen, das mit den Stimmbändern zu tun hat. Es gibt die Sprachlosigkeit derer, die ihr Leid in sich „hineinfressen“, darüber nicht sprechen können; derer, die die Schuld, die sie auf sich geladen haben, verdrängen, die an ein „lösendes“ Wort nicht glauben können; derer, die sich so sehr zerstritten haben, dass sie „nie wieder“ miteinander reden wollen.

Ich denke da auch an Menschen, die sich erheblich unter Druck haben setzen lassen durch das, was in unserer Gesellschaft propagiert wird: z.B. der schöne, stets um seine Fitness besorgte Mensch mit erfolgreicher ganzheitlicher Persönlichkeit. Es ist der Zwang zum gelingenden Leben. Nicht wenige sind dadurch aus der Balance geraten und seelisch erkrankt. Längst hat sich die Depression als Volkskrankheit etabliert.
Menschen, die zum Glücksstreben verdonnert sind und dabei einer gegen den andern in Konkurrenz stehen – sie reagieren nicht selten mit seelischer Lähmung. Mit Schamgefühlen, weil hochgesteckte Ziele nicht erreicht wurden. Damit einher geht oftmals eine Verkümmerung der Sprachfähigkeit.

Was ich in unserer Geschichte dazu lese:
Jesus nimmt diese stummmachenden Kräfte als Realitäten ernst. Aber er weiß eben auch von ihrer Schwachstelle. Eine Bresche in der Mauer gefährdet die ganze Burg.

In anderen Heilungsgeschichten wird erzählt, dass Jesus die Dämonen anspricht, die einen Menschen besetzt haben. Er nennt sie beim Namen. Die Dämonen fürchten sich davor, denn wo das geschieht, hat ihr letztes Stündlein geschlagen. Denn ist es nicht so: Wo mir mein Dämon bewusst wird und wo ich die Dinge, die mich blockieren und fertig machen, ansprechen und benennen kann, bin ich auch eher in der Lage, sie zu bearbeiten, wenn nicht gar zu bekämpfen. Damit sind sie noch da, verlieren aber ihre alles beherrschende Macht über mich.
Jesus bringt die Menschen, die zu ihm kommen genau an diesen Punkt, und das Wort in Richtung Dämon ist der erste Schritt zu ihrer Heilung.

Was dabei entscheidend ist, wird in der Auseinandersetzung Jesu mit seinen Kritikern ebenfalls deutlich: Jesus lässt sich von den ständig nach Herrschaft strebenden Prinzipien Angst, Zwang oder gar Verteufelung nicht beeindrucken. Die Macht seiner Freiheit weckt in dem verstummten Menschen die eigene Stimme. Der verkümmerte Besessene bekommt neue Kraft und macht deutlich, worin das Reich Gottes besteht: nämlich, dass Menschen aufgerichtet werden, dass sie in die Lage versetzt werden, zu ihrer Bestimmung zu stehen, Gottes Ebenbilder zu sein, dass sie aufstehen und den Mund aufmachen können.

Aufstehen. Mundaufmachen. Daran erkennt man Menschen, die zu Gottes Reich gehören. Die nehmen andere Menschen in Schutz vor dem Bösen. Im Bus, am Arbeitsplatz, in der Schule, überall, wo´ s nötig ist. Die mischen sich auch in die Politik ein. Und sprechen für die, die keine Stimme, keine Lobby haben.
Für uns kommt alles darauf an, dass wir uns von der freimachenden Kraft Jesu inspirieren, anstecken lassen.
Darum mündet die wunderbare Heilungsgeschichte in einen leidenschaftlichen Appell Jesu:

Wenn ich durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so kann das nur eines bedeuten: das Reich Gottes ist zu euch gekommen!
Solange eine starke Person bewaffnet ihren Palast bewacht, bleibt ihr Vermögen in Sicherheit. Sobald aber eine stärkere Person kommt und jene überwindet, nimmt sie ihr die ganze Bewaffnung, auf die sie sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut!

Was hier durch Gott und mich passiert, kann nur eins bedeuten: Das Reich Gottes ist zu euch gekommen, sagt Jesus. Und das bedeutet hier: die Güte ist stärker als die Angst und die Macht des Vertrauens stärker ist als die Macht der Krankheit.
Das Zusammentreffen aber, das dazu vonnöten ist, lässt sich seelisch wie sozial nur darstellen nach der Weise eines Kampfes, und man muss eindeutig Partei ergreifen. Hatte Jesus noch zwei Kapitel vorher einen fremden Dämonenaustreiber, auf den ihn seine Jünger angesprochen hatten, mit den Worten toleriert: „Wer nicht gegen euch ist, ist für euch“ (Lk.9,50) so kehrt sich jetzt dieser Satz um. Wohl ist es wahr: wer irgend Menschen heilt, ist ein Gefährte und Bündnispartner Jesu; doch gegen alles Kranke und Krankmachende, gegen all das, was Angst und fremdbestimmt machen will, muss man sich wehren. Hier gilt: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut (11,23).
Innerlich gilt das ebenso wie äußerlich, im Umgang mit sich selbst nicht anders als im Umgang mit den anderen. Jesu Worte fördern und fordern Entschiedenheit und Entschlusskraft.

Warum ein Kompromiss an dieser Stelle sich nicht schließen lässt, begreift man ohne weiteres, wenn man bedenkt, was jener stumme Mann auf dem Weg der Heilung wohl durchgemacht haben wird. Der ganze Widerstreit gegen die alte Macht der Angst, die niedergekämpft werden muss durch stärkeres Vertrauen, das muss ja als erstes sich im Herzen dieses Mannes zugetragen haben, noch ehe er die Fähigkeit zu seiner eigenen Sprache wiederfand. Wie oft wird er sich haben fragen müssen, wem er jetzt folgen soll: den Vorschriften, die er seit Kindertagen in sich aufgenommen hat, oder diesen so neuen Vorstellungen, die sich in Jesu Nähe bilden und die doch etwas in ihm selbst berühren, etwas das zutiefst von „Gottes Finger“ in seine Seele eingeschrieben ist. Immer wieder wird es zu diesem Kampf gekommen sein zwischen der hoch gerüsteten Angst und der Abrüstung von Seiten dieses neu zu gewinnenden Vertrauens in die eigenen Möglichkeiten.
Doch eben deshalb kann man in dem ganzen Heilungsvorgang nicht unentschlossen und neutral bleiben, sonst besteht die Gefahr erneut und noch verstärkt – nach einer kurzen Zeit der Freiheit rückfällig zu werden. (Lk.11,26)

Liebe Gemeinde,
„Wenn ich jedoch durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gelangt.“
„Erstaunlich“, so könnte ein möglicher Zeitzeuge, der damals dabei war, sich gesagt haben, seit meiner Kindheit höre ich vom Reich Gottes, das alles neu machen wird. Und dann alles so hell wie eine kostbare Perle zu leuchten beginnt.
Und nun traut sich einer, genau davon ganz frei zu sprechen. Nicht irgendwann, sondern schon jetzt. Gegen alle Anfeindungen und mitten im ganzen Menschentumult hebt er die bedrohliche Enge auf.
Dazu braucht er nicht viel mehr als die Energie seiner Hände, manchmal nur einen einzelnen Finger. Wenn es uns im Innersten umtreibt, wie wertvoll ist dann schon die kleinste Berührung. Wenn wir wie durch einen Faustschlag niedergestreckt sind, wie kostbar sind dann geöffnete Hände.
Jetzt riecht es nicht mehr nach Kampf und Krieg, jetzt umweht mich ein leichter, frischer Hauch. Kein Wunder, dass manche Menschen seine „heilenden Hände“ bis heute in Erinnerung behalten haben. Und nicht verwunderlich, dass seine Berührung als neuer Anfang erlebt wird.
Erstaunlich, dass er selbst in all der Aufregung um ihn herum die ganze Zeit über so ruhig und gelassen geblieben ist. Gegen die boshaften Vorwürfe hat er sich gar nicht lautstark verteidigt. Als ob er schon einen Schritt weiter ist als wir alle.
Na ja. Am Ende ist er noch einmal sehr deutlich, ja sogar richtig laut geworden. Geradezu bedrohlich hat es gewirkt, als er sagte:
„Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“
Er kann also auch ganz anders. Kann kompromisslos, radikal sein. Das hat mir zu denken gegeben, wo ich doch sonst immer meine, dass die Dinge viel zu komplex sind für ein einfaches „Schwarz oder Weiß“.
Einige sind, so höre ich, mit ihm weitergezogen. Sie befinden sich offenbar auf dem Weg nach Jerusalem. Ich habe mir ein paar Tage frei genommen. Ich möchte seine geöffneten Hände noch einmal sehen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.