A- A A+
Drucken

Predigt vom 26.11.17

Predigt zum Ewigkeitssonntag am 26.11.17 in Wilhelmsfeld

Das Kleid der Hoffnung

Liebe Gemeinde,
es gab einen Tag im Leben der verwitweten Frau, da legte sie ihre Trauerkleidung ab. Viele Monate hatte sie dunkel getragen. Sie wollte es so. Ihr war einfach danach gewesen.
Keine Farben! Und bitte nichts Auffälliges.

Manchmal wäre sie am liebsten unsichtbar geworden. Das ging zwar nicht, aber sie hatte das Gefühl, die dunklen Kleider schützten sie. Sie schafften Distanz. Und die verwitwete Frau wollte Abstand zu den Menschen.
Lästig war ihr, angesprochen zu werden.

Gut, es gab auch andere Zeiten, in denen sie sich danach sehnte, dass jemand mit ihr sprechen würde. Meistens jedoch wollte sie allein sein.

An jenem Tag stand sie vor dem Kleiderschrank. Die große Schiebetür mit dem Spiegel hatte sie aufgeschoben.
Ihre Hand glitt über Stapel von schwarzen, dunkelgrauen und schwarz-weiß gemusterten Blusen und Pullovern. Fein säuberlich war alles aufgeschichtet. Ordentlich war sie immer gewesen. Auch hatte sie das Gefühl, dass ihre Ordnung ihr half klarzukommen, seit ihr Mann tot war.

Sie zog die Hand wieder zurück. Zögernd streckte sie sie erneut aus und strich über einen hellblauen Pullover. Aus ganz feiner Wolle. Er lag ein Regalfach tiefer.

Früher, als ihr Mann noch lebte, war das einmal ihr Lieblingspullover gewesen.
Sie nahm ihn heraus und hielt ihn vor sich. Dann trat sie einen Schritt zurück und betrachtete sich im Spiegel der Schranktür. Ja, heute würde sie diesen Pullover tragen. Sie wusste, dass ihre Trauer nicht weg war. Das Gefühl des Verletztseins war noch da. Aber auch das Bedürfnis nach Leben, nach Vitalität, nach sich selbst spürte sie.
All das war in ihr. Vielleicht war es verschüttet gewesen. Wie wenn man Erde auf den Rasen schüttet. Erst allmählich finden die Grashalme von unten wieder durch den Erdhaufen ans Licht.

Man kann durch Kleidung nicht sein Wesen ändern und auch nicht seine Seelenlage. Das wäre gar zu einfach. Aber man kann, indem man etwas anzieht, innere Vorgänge sichtbar machen und verstärken.

Im Kolosserbrief wird den Gläubigen gesagt: „Ihr seid von Gott erwählt. Er liebt euch und hat euch zu seinem heiligen Volk gemacht. Darum zieht nun wie eine neue Bekleidung alles an, was den neuen Menschen ausmacht: herzliches Erbarmen, Güte, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld.“

Auch diese aufgezählten Eigenschaften bzw. Tugenden kann man sich nicht einfach nehmen und überziehen oder in sie hineinschlüpfen wie in eine Jacke, die einem nicht gehört. Aber man kann nachsehen, ob sie irgendwo sind.

Wo sind meine Freundlichkeit, Demut und Sanftmut, meine Geduld? Sie gelten nicht immer zuerst den anderen, sondern mir selbst.
Geduld mit sich selbst zu haben, freundlich und sanftmütig zu sein zu sich, ist in der Trauer alles andere als selbstverständlich.
Der Satz „ich müsste doch jetzt“ liegt näher als der Satz „ich kann doch mal“.

Trauern erfordert Zeit. Doch wir sind schnell mit Forderungen. „Jetzt ist aber gut, jetzt muss doch wieder alles sein wie früher“, drängen wir. Wir verweigern uns und anderen auf diese Weise das Erbarmen und die Geduld.

In unseren Wohnungen stehen Küchenschränke, Schuhschränke und Kleiderschränke. Gibt es auch einen Aufbewahrungsort für Sachen, die die Seele wärmen? Wo findet sich eine Truhe mit Trost? Kleider des Trostes müsste man haben!

Ich bin untröstlich, sagt man sich als trauernder Mensch, untröstlich traurig. Nichts kann mir helfen. Das ist dann so, muss so sein, in diesem Augenblick, in dieser Lebenslage, in der Trauerphase.

„Siehe, Gott, um Trost war mir sehr bange“ diesen Ausspruch des Propheten Jesaja dürfte deshalb ein trauernder Mensch besonders gut verstehen. Dessen zweiter Teil wird wohl erst allmählich näher kommen: „Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe.“ (Jes.38, 17)

Trost an sich heranzulassen hat mit Hoffnung zu tun. Zu hoffen bedeutet, mit etwas zu rechnen, das man nicht sieht. Das Kleid der Hoffnung ist luftig gewoben. Aus feinem Stoff wird es gemacht. Dünn überzieht es die Realität und lässt den Hauch einer anderen Wirklichkeit erahnen. Auf das, was ich real vor Augen habe, muss ich nicht hoffen. Mein Elend nehme ich sogar mit geschlossenen Augen wahr. Aber darauf, dass Gott mich nicht fallen lässt, dass er mir die Lebenskräfte erhält, hoffe ich.

„Eine Hoffnung, die wir schon erfüllt sehen, ist keine Hoffnung mehr. Wer hofft schon auf das, was er schon vor sich sieht? Wenn wir dagegen auf etwas hoffen, das wir noch nicht sehen, dann werden wir geduldig darauf warten“, fasst es der Römerbrief in Worte (Röm. 8,24 f.).

Hoffnung und Geduld sind Schwestern. Sie kommen uns in der Trauer besuchen. Die Hoffnung spricht:
„Es ist etwas da, was du bislang nicht erkennen konntest. Lass dich von ihm überziehen! Schlüpfe hinein in das Kleid der Hoffnung! Das Kleid ist aus so dünnem Material gemacht, dass man es nicht erblicken kann. Aber deswegen gleicht es nicht den vermeintlich neuen Kleidern des Kaisers, die nicht existierten, sondern den alten Kleidern der getrösteten Menschen, die es schon immer gab.

Jemanden loslassen, von einem Menschen Abschied nehmen, bringt mit sich, dass das Sehen aufhört. Wir sehen den anderen nicht mehr. Er oder sie ist nicht mehr sichtbar unter uns. Und dennoch kommt derjenige, diejenige in meinem Leben vor. Ich denke lebhaft an sie oder ihn, ich kann mit ihr sprechen, mit ihm rechnen und fragen: Was würdest du dazu sagen?

Hoffnung ist rechnen mit einer Wirklichkeit, die man nicht sieht und die doch ist. Beim Abschiednehmen hat die Hoffnung zwei Richtungen, mindestens zwei, vielleicht geht sie in noch viel mehr Richtungen. Die Hoffnung weist auf den Menschen hin, den wir loslassen. Wir vertrauen darauf, dass er es bei Gott gut hat und seinen Frieden gefunden hat. Sodann richtet sich die Hoffnung auf einen selbst. Ich erahne, dass die Kräfte wieder wachsen. Ich bin kein hoffnungsloser Fall. Aus Trauer entsteht ein neuer Lebenswille. Nicht von heute auf morgen. Aber irgendwann.

Und vielleicht mögen dann jene Bilder aus der Offenbarung des Johannes, von der wir vorhin in der Schriftlesung hörten, neu zu einem sprechen.
Vom Vergehen von Schmerz, Leid und Tod ist da die Rede. Zwar ist die uns vertraute Erde nicht mehr da und auch nicht das Meer. Aber die Quelle lebendigen Wassers stillt allen Durst.
Da kommt also noch was!

Auch wenn die Bilder dieser Vision fremd bleiben mögen, so spricht doch die Hoffnung dieses Traumes ihre eigene Sprache. Wie vielschichtig diese Hoffnung ist, das drückt für mich das Bild von den Tränen aus.

“Beyond the door there's peace I'm sure / and I know there'll be no more / tears in heaven,” singt Eric Clapton in seinem berühmten Lied – im Himmel wird es keine Tränen mehr geben.
So schön dieses Lied auch ist, so sehr es auch manche zu trösten vermag, nimmt es dennoch die Pointe des Textes aus der Offenbarung nicht auf.
Kein Tod mehr, ja. Kein Leid mehr, wie gut. – Aber in der Bibel steht nicht: Keine Tränen mehr. Sondern da steht:
Gott wird jede Träne abwischen von ihren Augen.

Der Tod verliert seine Bedeutung, aber die Empfindung des Verlustes wird nicht einfach weggewischt. Sie wird ernst genommen. Gott selbst wird trösten. Gott selbst kennt den Schmerz um jeden Verstorbenen. Er schiebt diesen Schmerz nicht beiseite, sondern fängt ihn auf.
Richtig zärtlich ist diese Geste, in der Gott ganz nahe kommt. So nahe lassen wir kaum jemand an uns heran, im Gesicht, an den empfindlichen Augen berühren uns nur die allernächsten Vertrauten.

Tränen machen uns zu Menschen. Tränen machen uns zu Heiligen in Gottes Augen.
Im Psalm 56, 9 heißt es: Sammle, Gott, meine Tränen in deinem Krug. Ich bin sicher, du zählst sie alle.“

Jede Träne, die wir weinen, ist ein Gebet vor Gott und wird von ihm zärtlich aufgefangen und wertgeschätzt. Keine geht verloren, keine wird übersehen oder übergangen.
Keine Träne ist also umsonst geweint. Gott zählt sie alle und heiligt sie, weil wir und unsere Toten ihm so kostbar sind.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.