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Predigt vom 17.12.2017

Predigt zu Joh.1, 19-23 am 17.12.17 in Wilhelmsfeld
3. Advent

Wer bist Du?


19 Die führenden Männer aus Jerusalem schickten Priester und Leviten zu Johannes. Die sollten ihn fragen: »Wer bist du?«
Da machte Johannes seine Zeugenaussage; 
20 er wich der Antwort nicht aus, sondern bezeugte mit aller Deutlichkeit: »Ich bin nicht der versprochene Retter.« 
21 »Wer bist du dann?«, fragten sie ihn. »Bist du Elija?«
»Nein, der bin ich auch nicht.«
»Bist du der erwartete Prophet  "Prophet" ?«
»Nein.«
22 »Sag uns, wer du bist«, forderten sie. »Die Männer, die uns geschickt haben, verlangen eine Antwort von uns. Was sagst du selbst von dir?«
23 Johannes antwortete: »Der Prophet Jesaja hat von mir gesprochen. Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: 'Macht den Weg bereit, auf dem der Herr kommt!'«

Liebe Gemeinde!
„Ich versichere euch: Der Täufer Johannes ist der Bedeutendste unter allen, die je von einer Frau geboren wurden. Aber der Geringste, der zu Gottes neuer Welt gehört, ist größer als er.“ So hat Jesus über den Mann geurteilt, der im Mittelpunkt des heutigen Predigttextes steht.

Die Größe des Täufers rührt daher, dass er der Herold, der Wegbereiter des Messias ist, der Vorläufer Christi. Dadurch wird jedoch zugleich seine Grenze bestimmt. Der Vorläufer ist selbst nur etwas Vorläufiges. Das Endgültige kommt nicht von ihm. Es stammt von woanders her. Darauf kann er nur hinweisen. Er verfügt darüber nicht. So, wie ja auch keiner von uns etwas zu schaffen vermag, das ewige Dauer besitzt. Gerade darin zeigt sich jedoch die Größe des Täufers, dass er dies annimmt. Er kann nein sagen gegen alle Versuchungen, mehr zu erscheinen als zu sein und mehr geben zu wollen, als er selbst in Händen hat. Er vermag dies auch im Blick auf alle falschen Ansprüche, die man ihm entgegenbringt.
„Nein, ich bin nicht der versprochene Retter. Nein, ich bin nicht Elia. Nein, ich bin nicht der Prophet.“ Dieses dreimalige Nein ärgert und befreit.

Ich stelle mir vor, wie es auf die Leute gewirkt haben mag, die im Auftrag des Hohen Rates zu erkunden hatten, was dieser Täufer denn für ein Mann sei.
Es mag damals häufiger vorgekommen sein, dass die Hohenpriester und die Schriftgelehrten, welche die Verantwortung für die jüdische Gemeinde, ja für das ganze Volk trugen, ihre Kundschafter aussandten, um zu erfahren, was sich in diesen bewegten Zeiten im Lande tat. Messiasanwärter traten nämlich in nicht geringer Zahl auf. Die Hoffnung auf den kommenden Retter war groß. Groß war aber auch die Gefahr, dass sich zu viele dem falschen Mann anschließen.

Die Sehnsucht nach Freiheit von der römischen Fremdherrschaft, das Verlangen nach einer grundlegenden Änderung der Umstände bildeten ein Pulverfass. Ein Funke konnte die Explosion herbeiführen. Mit weitreichenden Konsequenzen, wie sich ein paar Jahrzehnte später zeigen sollte, als ein Aufstand ausbrach, durch den Jerusalem zerstört wurde.

Nun hatte Johannes von sich reden gemacht. Sein Ruf zur Umkehr, seine Taufe im Jordan besaßen eine große Wirkung. Die Menschen strömten ihm zu. Wen wundert es, dass auch die Behörden auf ihn aufmerksam wurden? „Sie sandten Priester und Leviten zu ihm“, heißt es. Lassen Sie mich einen von ihnen Obadja nennen, einen seiner Freunde Elihu, und einen Dritten, von dem später die Rede sein wird, Eljakim.

Ich stelle mir vor, dass sich Obadja und Elihu unterwegs unterhalten.
„Ich brenne darauf, diesen Johannes kennenzulernen“, hat Elihu gerade gesagt. „Er muss eine furchterregende Gestalt sein. Simon, der Bruder meines Schwagers, hat sein Leben völlig verändert. Die Hälfte seines Besitzes hat er an die Armen verteilt. Er lebt jetzt streng nach dem Gesetz. Sogar den Sabbat beachtet er, und es geht kein Hungernder von seiner Tür, ohne dass er ihm hilft. ‚Die Axt ist den Bäumen schon an die Wurzel gelegt‘, hatte Johannes gesagt. Dieser Satz hat ihn getroffen. Er hat ihn umgehauen. Aber nicht zum Tod, sondern zum Leben.“
„Ja“, antwortet Obadja, „ich bin zwar kein Pharisäer wie du, aber auch ich habe den Eindruck, hinter diesem Johannes steht Gott.“

Während dieses Gespräches sind die beiden in eine hin- und herwogende Menschenmenge geraten. Einige kommen ihnen entgegen. Manche mit sehr ernsten, ein paar auch mit zornigen Gesichtern. Andere eilen nach vorn. Sie ziehen die beiden mit.
Erst am Jordan machen sie halt.

„Habt ihr das gehört“, ereifert sich einer mit weißem Haar, den sie Eljakim nennen. ‚Gott könne dem Abraham aus Steinen Kinder erwecken‘, hat dieser Johannes gesagt. Das ist doch die Höhe. Damit tastet er die Einzigartigkeit Israels an!“
„Mit der ist es auch nicht mehr weit her, wenn ihr nicht umkehrt“, ruft einer der Umstehenden. „Johannes hat das gesagt. Und er hat recht. So haben bereits die Propheten gesprochen. Aber ihr wollt wohl genauso wenig hören wie eure Väter, die die Gottesboten verfolgten.“
Noch ehe Eljakim oder irgendein anderer antworten kann, wird es um sie ganz still. Die Menge teilt sich. Aus dem Wasser steigt ein Mann.
„Er gleicht genau der Beschreibung“, flüstert Elihu, „hager und streng.“ Doch da hört er schon wieder die Stimme Eljakims. „Bist du der Messias?“ „Nein“, lautet die Antwort.

Elihu ist von Johannes beeindruckt. Kraftvoll und knapp hat er gesprochen.
„Dann bist du Elia?“, fragen andere, und Elihu denkt, „ja, so sieht er aus. Das ist die Antwort. Er ist Elia. Er ist der, der am Ende wiederkommen wird, um die Freiheit zu bringen und die Gottlosen auszurotten.“

Plötzlich hört er sich rufen: „Sag es! Sage, dass du Elia bist! Nicht wahr, du bist es!“
Doch fast schneidend erfährt er die Antwort: „Nein.“

Es ist ihm, als habe ihm einer einen Stoß vor die Brust gegeben. Elihu spürt seine Enttäuschung. Er fühlt aber auch, wie Zorn in ihm aufsteigt. Seine Hoffnung wurde betrogen. Im Weggehen hört er noch, wie einer fragt:
„Aber der Prophet, der, der wie Mose sein soll, der bist du doch?“ Und noch einmal, fast wie ein Echo, folgt das Nein.

Elihu hat es nicht mehr anders erwartet. Er geht davon, um allein zu sein mit seiner Bitterkeit und seinem Groll.
„Dem hätte ich es zugetraut“, denkt er. Doch dann möchte er schreien: „Warum greifst du nicht ein, Gott? Warum lässt du uns so lange warten? Warum bleibt alles beim Alten? Was sollen wir denn noch tun, um dich herbeizuholen?“

Erst am Abend trifft er wieder auf Obadja.
„Wo warst du denn“, fragt ihn dieser. Doch ohne auf eine Antwort zu warten, fährt er fort: „Johannes hat mich überzeugt.“ „Mich hat er enttäuscht“, erwidert Elihu. „Wie kann er es wagen zu taufen? Wie kann er es wagen, überhaupt im Namen Gottes zu sprechen, wenn er nicht Elia ist und noch nicht einmal ein Prophet?“
„Wir haben ihn dies gefragt“, entgegnet Obadja. „Doch da warst du schon gegangen. Gerade die Antwort, die er darauf gab, hat ihn für mich eingenommen. Sie hat mich auch sein Nein verstehen lassen. Glaub mir, Johannes ist ein großer Mann. Durch ihn habe ich begriffen, was es eigentlich mit dem Messias auf sich hat.“
„Das verstehe ich nicht“, wirft Elihu ein.
„Ich habe es auch nicht verstanden, ehe ich Johannes begegnet bin“, sagt Obadja. „Du hast doch gesehen, wie viele Menschen ihm nachlaufen. Es sind Tausende. Meinst du nicht, dass es ihn immer wieder einmal gereizt haben wird, sich an ihre Spitze zu setzen, um das Reich Gottes mit Gewalt herbeizuführen? Glaubst du denn wirklich, du wärest der einzige Ungeduldige? Ich habe gehört, wie einige auf Johannes einredeten, er solle doch endlich etwas tun. Es gehört mehr als Mut dazu, hier nein zu sagen und dennoch weiter zu predigen und weiter zu taufen.“
„Was denn?“, wirft Elihu ein.
„Na, die Gewissheit, dass der Messias kommt und dass wir nichts tun können, als für ihn offen zu sein. –
Weißt du eigentlich, was Johannes auf unsere Frage geantwortet hat, wer er eigentlich sei? Er hat gesagt: ‚Ich bin eine Stimme in der Wüste. Sie ruft: Bereitet dem Herrn den Weg.‘“
„Wie bei Jesaja“, erwidert Elihu und fährt fort:
„‘Dass die Herrlichkeit des Herrn offenbar werde und alle Welt es sehe, denn der Mund des Herrn hat es geredet.‘“
„Ja“, sagt Obadja, „und deshalb tauft Johannes zum Zeichen der Reinigung. Der Messias aber, so hat er gepredigt, wird mit Feuer und Geist taufen. Verstehst du? Das Alte zurücklassen, das können wir. Dazu sind wir von uns aus fähig. Die Verwandlung aber, das Neue bringt keiner von sich aus zustande. Das wird geschehen, wenn Er kommt.“

Ich denke, liebe Gemeinde, dass bereits zur Zeit des Täufers einige etwas von dem erkannten, was ich Obadja sagen ließ. Das macht in der Tat die Besonderheit des Johannes aus, dass er enttäuschen konnte, dass er zu sagen vermochte, wer er nicht ist – und dass er so den Raum für das offen hielt, das nicht mehr von uns bewirkt werden kann, weil es allein von Gott kommt.

Das Problem, das sich hier zeigt, ist uns, denke ich, allen aus eigener Erfahrung bekannt. Kennen wir nicht alle die Erwartungen, die man uns entgegenbringt, und die Forderungen, die wir an uns selbst haben? „Du bist Christ“, sagt da einer. „Darum musst du jetzt dies und jenes tun.“ „Du gehörst zur Kirche“, betont ein anderer. „Darum erwarte ich, dass du nun endlich das Wort ergreifst. Wenn du dem nicht entsprichst, müsste ich dich einen Heuchler nennen.“

Damit wir uns nicht falsch verstehen: es ist gut, gefordert zu werden. Es ist gut, nach den Konsequenzen gefragt zu werden, die der Glaube im eigenen Leben hat. Es ist aber ebenfalls wichtig zu wissen, was wir nicht können und auch nicht sollen.
Schon Martin Luther hat geschrieben: „Ja, wir haben immer noch ein gutes Stück davon, dass wir Christus sein wollen, das heißt einer, der mir helfen könnte und anderen.“

Luther hat recht. Wir laufen immer wieder Gefahr, uns gegenseitig in die Rolle des großen Helfers zu drängen, die wir dann doch nicht ausfüllen können. Darum tut uns die Ernüchterung durch unseren Text gut. Sie soll nicht träge machen. Sie will befreien. Befreien dazu, zu sein, was Johannes war und was auf unsere Weise auch wir sein können: Zeugen. Zeugen, dessen, dass einer da ist, der unseren Hunger nach Leben und unsere Sehnsucht nach Erfüllung stillt. Er kann trösten. Er kann erneuern. Er kann helfen. Wenn wir von uns wegweisen, wenn wir sagen: „Bleib doch bitte nicht an uns hängen, weder an unseren Tugenden noch an unseren Fehlern“, dann geschieht dies gerade, um auf ihn aufmerksam zu machen. Auf ihn allein.

„Seht dort das Opferlamm Gottes, das die Sünde der ganzen Welt trägt“, hat Johannes damals gerufen.
„Seht“, so können wir hinzufügen, „er ist die Liebe, die die leeren Hände füllt. Er ist die Hoffnung, die auch den Schwachen gilt. Er ist der neue Anfang, durch den die Gescheiterten erfahren, dass auch sie nicht von Gott verlassen sind. Er ist, was wir nicht sein können: Gott bei uns.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

Pfr. Michael Kreitzscheck, Wilhelmsfeld