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Predigt an Heiligabend 2017

 

Predigt in der Christvesper am 24.2.17
Heiligabend

Gott wird Mensch

Liebe weihnachtliche Gemeinde,
Es ist schon geraume Zeit her, da sagten die Menschen:
„Gott hat es gut. Gott hat es richtig gut. Gott wohnt im Himmel, Gott ist weit weg von dem, womit wir uns jeden Tag herumquälen.
Gott muss nicht alles Mögliche schlucken, um seinen Arbeitsplatz zu behalten; Hektik und Stress kennt Gott nicht; Gott weiß nicht, wie das morgens ist, wenn eigentlich jeder Handgriff sitzen muss, und dann eines der Kinder krank ist, und alles durcheinander gerät;
Gott kennt keine Schmerzen, Krankheit, Zahnarztbesuche;
Gott kann nicht nachfühlen, wie das ist, im Stau zu stecken oder in einer langen Schlange an der Supermarktkasse, wenn man es eilig hat;
Gott kennt nicht die Sorge um die Eltern, wenn die nicht mehr allein leben können;
Gott weiß überhaupt nicht, was das ist: alt werden, ganz viel für die Fitness tun müssen, damit der Partner / die Partnerin und die Enkelkinder noch was von einem haben. Gott weiß eben nicht, dass alt werden nichts für Feiglinge ist.
Das sagten und dachten die Menschen.
Ein Teil von ihnen meinten, dass das gut so sei, weil Gott, der Ewige, so alles am besten in der Hand habe und den Menschen dadurch die nötige Freiheit ließe.
Andere allerdings murrten und klagten, dass Gott sich so heraushalte, einige wandten sich gar von ihm ganz ab, weil sie mit einem solchen Gott nichts anfangen konnten.

Kaum zu glauben, aber wahr: Gott hörte die Menschen, er verstand, dass sie sich von ihm allein gelassen fühlten. Und Gott beschloss, dem abzuhelfen. Er nahm sich vor, als ganz normaler Mensch auf die Welt zu kommen, und er beschloss in Maria, einer jungen Frau aus Nazareth zu wachsen.
So ließ Gott sich auf das größte Abenteuer seines Gott-Seins ein.
Schon die Schwangerschaft war sehr menschlich: bedroht und behütet zugleich. Maria, die Mutter, ein wenig zu jung. Joseph, der Vater, ein wenig zu alt, aber beide sehr bemüht, gute Eltern zu werden – und zwar unter schwierigen Bedingungen.
Schon für das Tägliche zu sorgen, war hart, aber dann auch noch diese unsägliche Volkszählung mit dem strapaziösen Weg nach Bethlehem.
Hoffentlich würde Maria keine Fehlgeburt haben, wie es einigen ihrer älteren Freundinnen passiert war.
Gott spürte das Seufzen und Sorgen, die Angst, die guten Wünsche und die Hoffnung der schwangeren Mutter, aller schwangeren Mütter – und Gott wird es nie mehr vergessen.
Und Gott wird Mensch. Und das bedeutet: Unsere Existenz als Menschen wird von Gott gewürdigt. Wir müssen nicht göttlich werden, um bei Gott etwas zu gelten, sondern können hübsch menschlich bleiben.
Gott kommt auf die Welt, brüllt und weint, denn wie so viele Menschen wird auch Gott von dieser Welt nicht sehr gastfreundlich empfangen: In der Fremde ohne ein eigenes Bett wird Gott wie Millionen Kinder dieser Welt in Armut geboren, und von seiner Mutter auf Stroh gelegt, auf Stroh oder Gras, auf nackten Boden oder eine Decke.
Ein paar Tage später bei seiner Beschneidung bekommt Gott den geläufigen Namen: Jesus. Das bedeutet: Gott rettet.

Aber Gott lernt auch die andere Seite seines jungen, menschlichen Lebens kennen. Maria und Joseph freuten sich ganz doll über Jesus, sie drückten ihn und strahlten ihn immer wieder an. Jesus fühlte sich bei ihnen, in ihren Armen geborgen, und warm, wohlig, sicher und geliebt. Und Gott wird dieses Gefühl nicht mehr vergessen.

Es kommen auch noch andere Menschen, um ihn zu begrüßen: rauhbeinige Männer, die als Hirten auf den Feldern von Bethlehem arbeiten. Sie kommen in den Stall, in Gottes Haus, sie staunen, schauen, und sprechen mit dem Kind in der Krippe, mit viel Sehnsucht und Wärme, mit Hoffnung und Begeisterung in ihren Stimmen, denn sie fühlen sich Gott so nahe wie nie zuvor, sind ungewohnt angerührt. Auch wenn sich bei ihnen durch aus auch Zweifel in ihre Freude mischen, ob denn dieser kleine Kerl da in der Krippe wirklich der Heiland, der Retter der Welt sein könnte.

Gott wird Mensch. Maria legt ihren Erstgeborenen in eine Krippe. Sonst war da kein ‚Platz in der Herberge. Nix Universitätsklinik für Frauenheilkunde. Krippe. Stall, Stroh.
Hier fragt sich: warum ganz unten anfangen, wenn du von ganz oben kommst?
Antwort: Wenn du die ganz unten gewinnen willst, musst du unten anfangen.
Und Gott fängt unten an. Ohne Pressereferenten. Hirten werden die ersten Pressereferenten an. Die, die als allererste von der Geschichte hören, werden sie weitererzählen. Ohne den ganzen PR- und Machtapparat, ohne den heute nichts mehr läuft.
Dieses Kind wartet auf die, die kommen.
Es überfällt niemanden. Manipuliert nicht.
Es ist da. Lädt ein. Das ist alles.
Das sind Gottes Waffen: Liebe, Licht, Hingabe.
Und das Verrückte: Das setzt sich durch. Früher oder später setzt es sich durch. Ganz am Ende auf jeden Fall. Und zwischendurch auch schon immer wieder.
Weil Menschen kapieren, dass mit all dem anderen kein Staat zu machen ist und kein Frieden auf dieser Welt erreicht wird: nicht mit Krieg und Terror, nicht mit Bankenpower und wirtschaftlicher Macht. Es geht immer nur anders.
Wenn Menschen gewonnen werden sollen, überzeugt werden sollen, dann geht das nur auf Gottes Art: werbend, gewaltlos, mit den Waffen der Liebe.

Später kommen auch noch weise Männer aus dem Morgenland, die im Volksmund später sogar zu Königen werden. Sie haben etwas begriffen von der göttlichen Weisheit, und bringen zum Dank Geschenke mit.

Aber schnell wird Gott auch wieder von der anderen Seite der menschlichen Realität eingeholt: Gott wird verfolgt, weil andere Angst haben, an Macht zu verlieren, wie der König Herodes zum Beispiel. Man trachtet Gott nach dem Leben.
Maria und Joseph bringen Jesus außer Landes, werden Asylbewerber in Ägypten, Jesus wird bedroht, versteckt und gerettet.
Gott erlebt das alles am eigenen Leibe. Er wird es nie wieder vergessen.

Jesus wächst auf wie alle anderen. Er streitet sich mit den Nachbarsjungen; er genießt das Leben in der Familie und im Dorf; er wird älter und erwachsen; er arbeitet, lebt und liebt, weint und betet, wie die anderen auch; er erzählt von sich und seinem Vater im Himmel; er heilt und tröstet; er macht Menschen wieder lebendig und froh; er ist zornig über Ungerechtigkeit und nahe dran, sich im Tempel von Jerusalem mit den Händlern und Geldwechslern zu prügeln, die den Tempel seiner Meinung nach zu einer Räuberhöhle gemacht haben; er leidet mit Kranken und Verzweifelten; er lebt als Mensch unter Menschen.

Gott wird diese Erlebnisse nie wieder vergessen.
Auch von den tiefsten Tiefen menschlichen Seins bleibt Gott nicht verschont. Er wird verleumdet und verraten, im Stich gelassen, gequält und wie ein Verbrecher hingerichtet.

Das Licht, das in die Welt kam, verfinsterte sich mitten am hellen Tag zur Todesstunde. Aber es hat in diese Welt gestrahlt, es strahlt auch durch die Auferstehung Jesu weiter und es wird einst noch viel heller erstrahlen.

Liebe Gemeinde, seit Gott in Jesus dem Christus Mensch wurde, unter uns lebte, seit er unser Leid und unsere Freuden geteilt hat, seitdem ist Gott niemandem mehr fern.
In Jesus Christus ist Gott uns ganz nah, wenn wir leiden – und auch wenn mir glücklich sind; wenn wir uns einsam fühlen – und auch wenn wir uns geliebt wissen; wenn wir schwach und ohnmächtig sind – und auch wenn wir vor Kraft und Lebendigkeit strotzen.

Lassen Sie uns das heute und in den nächsten Tagen wie jedes Jahr in fröhlicher Dankbarkeit feiern.
Frohe Weihnachten!
Amen.