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Predigt vom 21.01.2018

Predigt zu Mt.17,1-9/Ex.3,1-14 am 21.1.18 in Wilhelmsfeld
Letzter Sonntag nach Epiphanias

Das Versprechen im Dornbusch/ Gotteserfahrungen haben wir alle

Jesus nahm die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes mit sich und führte sie auf einen hohen Berg. Sonst war niemand bei ihnen.
Vor den Augen der Jünger ging mit Jesus eine Verwandlung vor sich: Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden strahlend weiß. Und dann sahen sie auf einmal Mose und den Propheten Elia bei Jesus stehen und mit ihm reden.

Da sagte Petrus zu Jesus: „Es ist wunderbar, was wir hier erleben. Wenn du willst, Herr, schlage ich hier drei Zelte auf, eins für dich, eins für Mose und eins für Elia.“

Während er noch redete, erschien eine leuchtende Wolke über ihnen, und eine Stimme aus der Wolke sagte: „Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, auf ihn sollt ihr hören!“

Als die Jünger diese Worte hörten, warfen sie sich voller Angst nieder, das Gesicht zur Erde. Aber Jesus trat zu ihnen, berührte sie und sagte: „Steht auf, habt keine Angst!“ Als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus allein.

Während sie den Berg hinunterstiegen, befahl er ihnen: „Sprecht zu niemand über das, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn vom Tod auferweckt ist.“


Liebe Gemeinde,
nach der Erzählung vom brennenden Dornbusch, die wir vorhin gehört haben, begegnet uns hier eine weitere traumähnliche Geschichte, die Geschichte von der Verklärung Jesu, in der sich Petrus wie im gelobten Land fühlt und sagt: „Lasst uns Hütten bauen: eine für dich, Jesus, eine für Mose und eine für Elia.“
Es ist eine Geschichte, die die damalige christliche Gemeinde erst nach Ostern erzählt hat, um in einem solchen eindrücklichen Bild die Verbindung zwischen Altem und Neuem Testament darzustellen.
Jesus redet mit Mose und Elia. Mit Mose, der für das Gesetz steht, und mit Elia, der für die Propheten steht.
Wenn man sich in diese biblische Szene hineindenkt, wie sie da stehen auf dem Berg der Verklärung, dann möchte man fast wie Petrus dabei sein und zuhören! Zuhören besonders, was Jesus und Mose miteinander reden.
Und, liebe Gemeinde, ich versuche mir das jetzt einmal vorzustellen. Wie sie da stehen auf dem Berg. Jesus und Mose reden miteinander.
Und ich phantasiere ein bisschen, dass Jesus den Mose fragt und sagt:
„Du, Mose, ich weiß ja viel von dir aus den Schriften. Aber eins interessiert mich am meisten: Als wen hast du Gott kennen gelernt, damals, als es anfing am brennenden Dornbusch, und später. Was hat Gott für dich bedeutet?“

Und Mose, froh wie alle, die viel erlebt haben, dass er einen hat, der ihm zuhört, und dem er seine Lebenserfahrungen weitergeben kann, sagt:
„O Jesus, das ist vielleicht eine Frage! Als wen ich Gott kennen gelernt habe? Das lässt sich nicht mit ein paar Sätzen sagen.
Manchmal war er wie ein wütendes Gewitter, das jeden erschlägt, dann wieder wie ein Freund, mit dem man gut reden kann, manchmal wie eine ganz sanfte, unendlich zähe Kraft, die einen trägt, und dann wieder wie einer, der dir an die Gurgel geht. Aber das könnt ihr jungen Leute wohl nicht verstehen.“
„Doch, doch“, sagt Jesus, „ich kann das ganz gut verstehen.“
„So?“, sagt Mose, „na gut. Komm, wir setzen uns hier auf den Baumstamm.

Also, kennengelernt habe ich ihn erst nach und nach, diesen Gott unserer Väter und Mütter. Manchmal denke ich, er hat sich selbst vielleicht erst nach und nach kennengelernt.
Ja, an den Dornbusch damals bin ich als politisch Verfolgter gekommen. Ich wurde gesucht als Attentäter. Weil ich in Ägypten diesen Aufseher erschlagen hatte. Das weißt du ja.
Bis zu dem Tag war ich ein ausgesprochenes Glückskind. Sicher, am Anfang elternlos, ein Findelkind, die Sache mit dem Weidenkorb im Nilschilf. Aber dann am Hof des Pharao. Das war eine Sache! Immer die besten Erzieher und Lehrer, immer bevorzugt. Ich hatte das sichere Gefühl: Gott ist mir wohl gesonnen.
Gott war für mich am Anfang der Gott des freundlichen Himmels. Aber das änderte sich, als ich aus Wut über die Ungerechtigkeit des Sklavenaufsehers zuschlug. Als er tot vor mir lag, wusste ich es: Ich hatte an das Tor des Unglücks geschlagen. Nun tat es sich weit auf. Ich entkam zwar den Häschern. Aber um welchen Preis! Aus der Heimat am Hofe, aus der Geborgenheit dieser vertrauten Umgebung in die Fremde, in die Steppe, als Flüchtling zu Kleinviehhirten.

Ja, Jesus, du fragst, als wen ich Gott kennen gelernt habe? Damals als den, der manchmal ganz einfach weg ist. Nicht vorhanden, der den Himmel zuzieht. Sendepause.
Weißt du, damals habe ich die leidenden Menschen. verstanden. Menschen, die keine Lust mehr haben, zu Gott zu reden, die keine Worte mehr machen mögen, sich nur noch zur Wand drehen. Die Menschen in Not, die waren mir unheimlich nahe.

Unglück ist auch eine Art Gottesoffenbarung. Eine negative: Dass er nicht da ist, dass es ihn nicht gibt. Und dass man sich deshalb an die Fakten halten muss. Zusehen, dass man durchkommt. Das Nächstliegende tun. Zusehen, dass man seinen Bissen Brot hat. Nicht zuviel nachdenken. Schafe hüten.
Damals habe ich begriffen: Gotteserfahrung gibt es nur für die, die durchkommen! Die Geretteten, die wissen etwas von Gott. Vielleicht noch die Hoffenden. Aber die im Dunkeln vergessen ihn besser.“
Und Jesus entgegnet: „Du irrst dich, Mose. Es ist nötig, Gottes Nähe gerade denen zu zeigen, die sich verlassen vorkommen, die im Unglück sind. Ich setze mich sehr entschlossen zu denen in der Gosse und zu denen, die krank sind oder abgeschrieben. Ich rede mit ihnen. Höre ihnen zu, wie Gott ihnen zuhören würde!“

„Hilfst du ihnen denn nicht?“ fragt Mose.
„Doch“, sagt Jesus, „wenn es sich ergibt und wenn ich helfen kann. Aber darauf allein liegt nicht das Hauptgewicht.“

„Du, das ist ganz falsch“, sagt Mose eifrig, „ganz falsch ist das! Die Menschen können doch nur glauben, dass Gott da ist, wenn er ihnen hilft. Du musst ihnen konkret helfen. Gott muss ihnen als Veränderung ihrer schrecklichen Lage begegnen. Das war´s doch! Die Stimme im Dornbusch. Gott sagte:
„Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten sehr wohl bemerkt.“
Ein gutes Wort. Gott nimmt das Elend wahr!
Aber was hätte es geholfen, wenn es nur bei diesem Wahrnehmen Gottes geblieben wäre! Ein Gott, der einen mild und stumm von ferne anblickt. Gar nichts hätte das gebracht.
Aber es hieß ja weiter:
„Ich will sie von ihren Unterdrückern befreien. Ich will sie aus Ägypten führen und in ein fruchtbares und großes Land bringen, ein Land, das von Milch und Honig überfließt.“
Das hat es gebracht. Das hat doch diesem Gotteswort: ‚Ich werde sein, der ich sein werde’, das hat diesem Wort doch erst Fleisch gegeben. Diesem Wort, das ich so verstanden habe: Ich werde für euch da sein, wo, wann und wie immer es auch sei.
Gott muss als der konkret helfende und verändernde Gott erfahren werden, sonst ist er nichts. Er muss das notfalls mit Gewalt, mit all seiner Macht zeigen. Die Plagen eins bis zehn schicken. Die Flucht durch das Rote Meer. Die Feinde vernichtet. Gott mit uns! Diese Erfahrung überzeugt. Und die Versprechungen, das gelobte Land, die besseren Zeiten. Gott ist der, der konkret hilft.

Natürlich müssen sich Menschen in seinen Dienst rufen lassen. Einer muss den Auftrag annehmen. Ich wollte zuerst nicht, war doch völlig unfähig. Aber dann wachsen einem Kräfte zu, und man kann helfen. Und man erlebt: Gott ist auf der Seite der Elenden und Unterdrückten. Er holt sie heraus aus der Knechtschaft.
Das ist die schönste Gotteserfahrung, die es gibt.“

„Ja, Mose“, sagt Jesus, „so ist das wohl. Aber was machst du eigentlich, wenn Gott nicht hilft? Ist dein Gott nicht doch nur so etwas wie die Feuerwehr, die gerufen wird, wenn´s brennt? Oder wie der Arzt? Wenn der geholfen hat, ist er überflüssig. Und wenn er nicht helfen kann, sucht man sich einen besseren. Das reicht doch nicht aus, Mose, merkst du das denn nicht? Das hat euch doch in der Wüste auch nicht geholfen. Es ist doch so vieles nicht eingetreten von dem, was du versprochen hast.
Ich habe doch die Schriften gelesen. In der Wüste seid ihr herumgezogen, ein Leben lang. Du, Mose, hast das gelobte Land gerade noch von ferne sehen dürfen. Die anderen sind darüber hinweg gestorben. Und die es schließlich erreichten, die merkten, dass Milch und Honig für andere da waren und dass man das Land erst noch erobern musste. Und als es schließlich so weit war, gab es doch neue Probleme, immer nur Schwierigkeiten.
Überleg mal Mose: Ist dein Befreiungsgott nicht doch nur brauchbar für Aufbruchstimmungen, um Leute zu begeistern? Aber wenn dann der Alltag kommt im gelobten Land, was dann? Und Mose, denk an die Wüste!“
Mose schaut Jesus schräg von unten her an und sagt:
„Das kommt mir unheimlich bekannt vor. So haben die Leute in der Wüste auch dauernd geredet, besonders die jungen. Der lange Marsch durch die Schwierigkeiten der Wüste war nichts für sie. Es sollte alles schneller gehen. Und dann träumten sie auch alle plötzlich wieder von der angeblich guten Sklavenzeit in Ägypten.
Aber auch ich selbst habe manchmal das Gefühl gehabt, als sei Gott gar nicht mehr da. Weißt du, Jesus, wenn man die ganze Verantwortung hat, das macht einen manchmal völlig krank. Kann man sich auf Gott verlassen, wo so viel davon abhängt und die Vernunft einem nur sagt, was alles schief gehen kann? Ich habe oft nicht mehr gewusst, ob ich dem Dornbuschversprechen glauben sollte: ‚Ich werde da sein.‘ Wenn man´s nicht merkt, ist das schwer zu glauben.
Am besten noch, wenn man denkt, Gott wird eine Wut auf dich haben, deshalb trifft dich das Unglück. Dann ist er wenigstens noch da.
Ja, Jesus, wir haben Gott gut kennengelernt in den Wüsten unsers Lebens. Manchmal haben wir uns von ihm gestreichelt gefühlt und sicher geleitet, und manchmal waren wir geschlagen und verlassen. Oft war er nicht zu verstehen.
Der einzelne besonders, dem das Kind stirbt, dem der nächste Mensch verloren geht, der eine bösartige Krankheit hat. Er versteht oft gar nichts. Dann erfährt man Gott nur als den dunklen, den abwesenden Gott und ist mit sich und seinen Lebensaufgaben ganz allein.“

„Du, Mose“, höre ich Jesus sprechen, „das liegt daran, dass du Gott nur mit der Befreiung zusammenbringst und in ihm einen unverständlichen Vater siehst, der manchmal liebevoll und manchmal zornig ist. So erleben wir ja unsere Welt. Und manchmal kann man nur noch schreien: ‚Mein Gott, warum hast du mich verlassen?’

Ich aber nenne dir, Mose, nun noch eine ganz andere Erfahrung Gottes. Er hat noch eine ganz, ganz andere Seite. Er ist nicht nur dieser oft so dunkle Vater. Gott ist auch der Sohn. Er ist, Mose, und das ist das tiefste Geheimnis unserer Welt, er ist auch der Bruder aller Menschen. Er steht zwischen ihnen. Und weil Gott das Leiden und die Ungerechtigkeit in dieser Welt nicht einfach abschaffen kann, denn es gehört zur Freiheit der Menschen, dass sie sich auch gegenseitiges Leiden zufügen können und Ungerechtigkeit, weil das so ist, deshalb begibt sich Gott selbst in die Niederungen, zu den Menschen in ihr Leiden hinein. Und er ist damit ein anderer Gott geworden. Angefangen, angefangen, Mose, hat das am Dornbusch. Da hat er gesagt: ‚Ich werde da sein‘.
Überleg doch einmal, Mose, das konnte doch nur eine ernsthafte Verheißung sein, wenn er nicht nur der Gott des gelobten Landes, der Gott der hellen Tage ist, sondern auch der, der selbst mitleidet, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen. Und du glaubst nicht, Mose, welche Kraft zur Liebe Menschen in dieser Welt haben, die sich vor dem Dunkel nicht zu fürchten brauchen, weil Gott selbst in ihnen wohnt.“

„Du“, sagt Mose plötzlich, „der Petrus will was“.
Und Petrus sagt: „Es ist wunderbar, was wir hier erleben. Wenn du willst, Herr, schlage ich hier drei Zelte auf, eins für dich, eins für Mose und eins für Elia.“
„Nein“, sagt Jesus, „wir müssen wieder herunter von solchen Bergen des Nachdenkens. Mein Platz ist mitten unter den Menschen. Da müssen wir hin, du auch, Petrus.“
Ja, liebe Gemeinde, ich breche dies ausgedachte Gespräch hier ab. Jeder und jede von Ihnen kann es sich weiter ausmalen. Und mancher wird seine Lebenserfahrungen danebengehalten und gedacht haben:
„Ja, manchmal ist das so, als gingen die Gebete nur bis zur Zimmerdecke.“
Aber Sie haben vielleicht auch das andere gespürt; wie gut dieses Wort in der Erzählung vom brennenden Dornbusch ist: „Ich werde da sein und euch, wenn es sein soll, herausführen aus der Not, euch aber immer zur Seite stehen, wann, wo und wie immer es auch sei.“ Amen.