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Predigt vom 18.02.2018

Predigt zu 1. Mose 3,1-24 am 13.3.11 in Wilhelmsfeld
Invokavit

Adam und Eva im Paradies


Liebe Gemeinde,
Kinder kriegen das gelegentlich hin, dass sie sich ihr Paradies bauen, einfach so, dass sie ganz und gar bei sich sind, Gut und Böse vergessen, eintauchen in eine andere Welt.
Erwachsene wissen, dass es das Paradies nicht oder nicht mehr gibt. Wer aus dem Kindesalter definitiv heraus ist, der weiß: Die Welt, in der wir leben, das Leben, das wir führen, ist voll von Ambivalenzen, voller Mehrdeutigkeit; es hat sein Scheitern, seine Schuld, hat seine Grenzen und manchmal auch seine Tragik.
Und so werden Sie, liebe Gemeinde, weder sonderlich enttäuscht noch wirklich überrascht sein, wenn ich Ihnen gleich am Anfang meiner Predigt klipp und klar sage, was ohnehin jeder von Ihnen weiß: Hier ist nicht das Paradies. Hier in Wilhelmsfeld bei Heidelberg.
Die Vertreibung aus dem Paradies, die Entfremdung des Menschen ist eigentlich ein ernstes, schweres Thema. Aber die biblische Geschichte, die wir eben gehört haben, ist nicht ohne Humor erzählt. Fast wie ein Schwank kommt es herüber, was uns da im 3. Kapitel des 1. Buches Mose begegnet.

Die Schlange, die die Situation genau begreift und sich zu Nutze macht - man könnte meinen, sie hätte an einer namhaften Universität Psychologie studiert.
Die Frau, die sich dazu verleiten lässt, das lebensschützende Verbot zu übertreten, weil sie klug werden will.
Der Mann, der, offenbar ohne irgendwie selber zu denken, einfach mitmacht.
Das Erschrecken über das Getane, das Gefühl der Scham, wunderbar ins Bild gesetzt durch das Feigenblatt.
Die peinliche Begegnung mit Gott, die Ausreden, die das Ganze nur noch schlimmer machen: Adam schiebt alles auf Eva und im letzten auch auf Gott:
„Die Frau, die du mir zugesellt hast, die gab mir und ich aß.“
Als Mann, als der ich predigenderweise hier vor Ihnen stehe, ist es einem, wenn man diese Stelle liest, einigermaßen peinlich, eine derart gemütsschlichte Erklärung aus dem Munde des Stammvaters aller Männer zu vernehmen - irgendwie fällt das ja auch auf einen selbst zurück.
Die Ausrede der Frau immerhin ist auch nicht viel besser:
„Die Schlange war´s, die mich betrog…“ - und schon sind wir drin in der unendlichen Geschichte menschlichen Fehlens und Versagens und Sich-Herausredens und „Keiner-wills-am-Ende-gewesen-Seins“ und „Wer-soll-eigentlich-die-Rechnung-Bezahlens“.

Und wie reagiert Gott? Lediglich mit dem Rauswurf aus dem Paradies, nicht aber mit der eigentlich vorgesehenen Strafe des Todes.
Leben sollen die Menschen, mit Mühe zwar und Schmerzen beim Kinderkriegen und mit einigem Stress beim Arbeiten, aber auch behütet sollen sie sein und gesegnet.
Ihr täglich Brot sollen sie essen, bekleidet sollen sie sein mit Röcken von Fellen (und man darf sich da sicher auch was Schickeres vorstellen), ausgestattet sind sie mit dem Wissen von Gut und Böse.
Sie sind geworden wie Gott, was selbstverständlich nicht heißt, dass sie Gott sind. Denn vom Baum des ewigen Lebens sollen sie nicht essen, und um das sicherzustellen, wacht der Cherub mit flammendem Schwert vor den Toren des Paradieses und verstellt den Weg hinein.
Und wir - sind draußen. Wir sind draußen, aber Gott ruft uns zu: Herzlich willkommen in Wilhelmsfeld, herzlich willkommen in dem Ort, in dem du lebst!

Was kann man anfangen mit dieser Geschichte? Wie soll man umgehen mit ihr?
Man könnte zum Beispiel herumjammern darüber, dass das Paradies verloren und seitdem alles einigermaßen anstrengend ist und am Ende sowieso keinen Zweck hat. Aber mit solchen selbstmitleidigen Tönen an diese Geschichte heranzugehen ist nicht gerade prickelnd.
Man könnte stattdessen natürlich auch an Aktivitäten denken, um das Paradies irgendwie wiederherzustellen oder wieder hinein zu kommen, wobei man sich da wiederum verschiedene Varianten denken kann.
Frisch Verliebte zum Beispiel mögen zumindest zeitweilig unter dem Eindruck stehen, an ihrem Partner oder ihrer Partnerin so etwas wie sagen wir mal paradiesische Anteile wahrzunehmen und diese natürlich ohne Ende genießen. Das sei ihnen von Herzen gegönnt. Aber: Wer wüsste nicht, dass zu einer gelingenden Beziehung eben auch und unabdingbar die anstrengende Mühe gehört, sich an den weniger paradiesischen Anteilen meiner selbst und meines Partners abzurackern und diese liebend anzunehmen.
Politiker mögen früher zeitweilig den Eindruck erweckt haben, paradiesische Zustände herstellen zu können, haben blühende Landschaften versprochen und Wachstum und Arbeit - aber inzwischen ist den seriöseren unter ihnen längst klar, dass die Gestaltung unserer Gott sei Dank demokratischen Gesellschaft nichts anderes ist als ein unendlich anstrengendes, zähes Ringen und schwieriges Verhandeln und Sich-immer-wieder-einigen-müssen.
Und: Wenn es schon nicht möglich ist, das Paradies wieder herzustellen, sei es im Nahbereich unserer Partnerschaften, sei es im Zusammenhang unseres politischen Umfelds - ob es dann wenigstens sein kann, sich dort hinzubegeben?

„Adam und Eva wurden aus dem Paradies vertrieben - wir fliegen Sie jeden Tag hin“ habe ich mal auf einem Plakat der TUI gelesen, und angepriesen wurden vierzehn Tage Dominikanische Republik „all inclusive“.
Aber wahrscheinlich würde sich nach wenigen Tagen „all inclusive“ in der Dominikanischen Republik zeigen, dass man aus den Ambivalenzen des Lebens nicht herauskommt, nur weil man ein paar tausend Kilometer weggeflogen ist auf die andere Seite der Erde.

Es wird uns, liebe Gemeinde, nichts anderes übrig bleiben, als noch einmal zu unserer Geschichte zurückzukehren und näher zuzusehen.
Die Zwiespältigkeit menschlichen Lebens ist es, die hier erzählerisch gestaltet wird. Der Segen, Kinder haben zu können, und die Mühe, sie auf die Welt zu bringen und, wenn sie erst mal da sind, ihnen eine gute Zukunft auch zu eröffnen. Das Geschenk, Beziehungen eingehen zu können und die Nöte, die entstehen können beim Versuch, sie gut und gerecht und gleichberechtigt zu gestalten. Die Freude, einer Arbeit nachzugehen, sich etwas vorzunehmen, Pläne zu machen, sich anzustrengen, sich einzusetzen – und die Frustration, wenn die Dinge nicht so klappen wie man wünscht, wenn sie zu lange dauern, einfach nicht vorwärts gehen, wenn man nicht weiterkommt, das gilt ja beileibe nicht nur von der harten körperlichen Arbeit auf dem Feld oder im Wald, sondern von jeglicher Arbeit.
Auch für den Pfarrer gilt: Mit Mühsal sollst du dich nähren dein Leben lang, und am Ende wirst du wieder zur Erde, davon du genommen bist.
Und was die Erkenntnis von Gut und Böse betrifft, die uns Menschen in der Tat auszeichnet vor dem lieben Vieh, und dass wir unser Leben selbst bestimmen wollen und sollen und es doch auch können: damit ist eben immer auch verbunden, dass ich Minderungen des eigenen Lebens und anderen Lebens mit heraufführen kann und führe.
Der Mensch, der die Erkenntnis von Gut und Böse hat, soll selbst herausfinden, was seinem Leben förderlich und was schädlich, was gut und was schlecht, was nützlich und was von Übel ist.
Tun wir ja auch oder versuchen wir zumindest, aber:
Den Eindruck, dass wir damit wirklich in der Lage sind, Gutes nachhaltig zu fördern oder Unheil wirklich abzuwenden in einer klaren, gemeinsamen, verbindlichen Anstrengung, dieser Eindruck will sich nicht wirklich einstellen, nicht wenn man auf unsere alltäglichen Aktivitäten sieht und auch nicht, wenn man auf die große weite Welt schaut, in der Mangel herrscht an Recht, an Frieden, an Freiheit und Wohlergehen, eben an Gutem fast allerorten.
Und so stellt sich die Frage: Was ist eigentlich tröstlich an der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies? Wo steckt das Evangelium in der mehrdeutigen Botschaft, dass wir wissen, was gut und böse ist?

Wenn wir uns an die Erzählung selbst halten, sollten wir beachten, dass mit der Vertreibung aus dem Paradies die Zusage der Obhut Gottes einhergeht.
Eva zum Beispiel wird die Mutter all derer, die da leben: Es ist Gottes Geschenk, dass wir alle am Leben sind und leben dürfen. Adam und Eva werden von Gott persönlich bekleidet: Es ist sein Geschenk, dass er uns anzieht und wärmt, sodass wir im Winter nicht frieren müssen. Es ist Gottes Geschenk, dass wir unser tägliches Brot haben, unser Aus- und Einkommen, das, was wir brauchen und mehr als das. Es ist Gottes Geschenk, dass wir nicht als einzelner aus dem Paradies vertrieben sind, sondern zu mehreren, so dass wir nicht allein sind, dass wir Freunde haben, liebenswürdige Kollegen, anregende Gesprächspartner, interessante Leute um uns herum. Es ist Gottes Geschenk, dass wir arbeiten können und studieren, lesen und denken, experimentieren und publizieren. Und: Auch die Begrenzung, die wir erfahren, ist letztlich Gottes gutes Geschenk, denn an den Baum mit den Früchten des ewigen Lebens kommen wir nicht ran, weil der Cherub mit dem Schwert hoffentlich gut drauf aufpasst.

Irgendwie, finde ich, ist die Vertreibung aus dem Paradies auch die Geburt der Gnade im Umgang Gottes mit seinen Menschen.
Freilich: Einst werden wir noch größere Gnade erleben und wenn schon nicht zurück ins Paradies, so doch in Gottes neue Welt eintreten, aber das ist eine Geschichte, die auf einem anderen Blatt steht und einen anderen Erzähler hat.
Für uns heute Morgen muss genügen, was sozusagen das Evangelium in der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies ist.
Dieses Evangelium besteht zunächst darin, dass uns unsere eigene Wirklichkeit wie in einem Spiegel enthüllt wird. Sie lautet:
• Mach dir über dich selbst nichts vor: Auch in den besten Stunden gehört zu dir die Versuchung, dich zu verfehlen, dich selbst, und dich damit dem nächsten Menschen und Gott zu entfremden.
• Täusche dich nicht: Harmonie ist nicht einfach das Zeichen des Menschlichen, sondern sie kann immer wieder verspielt werden. Also: unser Zeichen ist es, Spannungen auszuhalten. Die Zwiespältigkeit des Menschlichen. Unser Weg heißt: gehen und fallen, gelingen und verfehlen.

So realistisch kann ein Spiegelbild sein, so nahe an der Wirklichkeit, an der Erfahrung, die wir Tag für Tag mit uns selbst machen.
In dieser Wirklichkeit dennoch nicht zerbrechen müssen, sondern in ihr – nicht vor ihr, nicht außerhalb – den Raum unserer Hoffnung für den nächsten Schritt finden, das ist unser Leben.
Dabei sind wir nicht allein. Der Kern der frohen Botschaft unserer Geschichte ist nämlich, dass der Mensch nicht ohne den Beistand Gottes sein Tagwerk außerhalb des Paradieses verbringt.
Sein Tagwerk mühevoll vollbringt und auf irgendeinem steinigen Acker sein Feld bestellt, sein Tagwerk vollbringt in Feld und Wald, in Büros und Geschäften, in Firmen und auf dem Markt, in einer Bibliothek und am PC, für eine Klausur büffelnd oder fremdländische Vokabeln.
Und so kann ich uns am Schluss dieser Predigt nur zurufen:

Liebe Gemeinde: Lasst es uns dann auch mit diesem Beistand Gottes in Freude gestalten, dieses schöne und zwiespältige, dieses anstrengende und aufregende Leben. Lasst uns mit diesem Beistand Gottes in Zuversicht angehen die Arbeiten, die zu tun sind, die Aufgaben, die vor uns liegen, die Projekte, die anstehen! Lasst uns mit dem Wissen von Gottes Segen gehen in die neue Woche und in die nächste und übernächste auch.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.