A- A A+
Drucken

Predigt vom 25.02.18

Predigt zu Psalm 10 am 25.2.18 in Wilhelmsfeld
Reminiscere

Es ist kein Gott?

Der Gottlose meint in seinem Stolz, Gott frage nicht danach.» Es ist kein Gott«, sind alle seine Gedanken.
Er duckt sich, kauert nieder,
und durch seine Gewalt fallen die Unglücklichen.
Er spricht in seinem Herzen: »Gott hat‘s vergessen,
er hat sein Antlitz verborgen, er wird‘s nimmermehr sehen.«
Steh auf, Herr! Gott, erhebe deine Hand!
Vergiss die Elenden nicht!
Warum soll der Gottlose lästern
und in seinem Herzen sprechen: »Du fragst doch nicht danach«? Du siehst es doch,
denn du schaust das Elend und den Jammer;
es steht in deinen Händen.
Die Armen vertrauen sich dir an,
du bist der Waisen Helfer.
Das Verlangen der Elenden hörst du, Herr;
du machst ihr Herz gewiss,
dein Ohr merkt darauf,
dass du Recht schaffst den Waisen und Armen,
dass der Mensch nicht mehr trotze auf Erden.
Liebe Gemeinde,
auch die Welt der Bibel ist kein Idyll. Und Atheismus und Menschenverachtung sind nicht erst ein Problem der Neuzeit. Der freche Spott der Gottesverächter entlarvt sich auch vor 2500 Jahren schon als der vermeintliche Freibrief zu Großmannssucht und Menschenverachtung, zu ungesühnter Gewalttätigkeit und zum selbstgewissen Grinsen der Mächtigen.

Sicherheit und Wohlstand stehen den Leistungsträgern der Gesellschaft zu, die in geordneten Verhältnissen leben und anerkannte Positionen im Land haben. Waisenkinder und Witwen und andere Menschen ohne Besitz und Rechte können bedenkenlos ausgenutzt und in den Staub getreten werden. Es wird sich auch niemand so schnell für sie einsetzen, denn die Verachtung aller lässt das Elend als gerecht erscheinen. So sind eben die Gesetze und so war es schon immer. Also ist es auch richtig so.
Wenn da nicht …
Ja, wenn da nicht so ein Stachel wäre: Dieses Gerede von einem Gott, der der Herr über das Leben ist, der Herr über jedes Leben.
Ein Gott, der das Versprechen des Lebens an die Einhaltung von Regeln des Zusammenlebens und der Achtung ihm gegenüber geknüpft hat. Ein Gott, der Gerechtigkeit fordert.

Was für ein Stachel immer schon für die Leute, die gerne selber Regeln aufstellen, die vor allem ihnen und ihresgleichen zugutekommen.
Wo die Güter der Erde als Besitz von einigen erklärt werden, die Mehrheit aber muss schwer arbeiten, um zu überleben. –
Es soll ein höheres Gesetz geben als das, das die Mächtigen sich gern zu ihrem Nutzen machen?
O nein, da wollen wir doch erst mal sehen, wer die Macht hat …
Und was sehen wir?
Die Gesetzesmacher und Bürokraten haben die Macht – und die Witwen, Waisen und Besitzlosen dürfen betteln und werden mit den Gesetzen und höchstens Almosen abgespeist.
Es klappt doch.
Wenn die Armen sich zusammentun und aufbegehren, kommt das Militär.
Wenn sie Rechte einfordern, sind sie staatsfeindliche Revolutionäre.
Immer wieder und überall in der Welt das gleiche Spiel.
Es klappt doch.
Wir lesen es doch gerade so in der Zeitung und sehen und hören es in den Fernsehnachrichten.
Wenn da nur nicht dieser Stachel wäre …
Diese wenigen, die nicht aufhören, von einem höheren Recht zu reden, von einem höheren Herrn. Die sich nicht beschwichtigen lassen damit, dass sie es doch gut haben und Gott auf der Seite der Gewinner ist. Gott auf der Seite der Starken. Gott auf der Seite der Ordentlichen und Zufriedenen. Gottes Segen – woran lässt sich der besser ablesen als am Wohlstand, an der Macht, am Sieg?
Dann aber kommt jemand und macht das ganze schöne System madig. Er zeigt auf die Gewinner und sagt: Ihr habt euer Leben verspielt.
Und er setzt sich zu den Armen und sagt: Selig seid ihr. Selig für eure Träume, selig für euren Hunger nach Gerechtigkeit. Der Himmel steht euch offen.

Wenn er sie nur vertrösten würde, nur hinhalten, dann ginge das ja noch. Aber er lässt sie aufstehen und mutig werden. Er lässt sie aufatmen und den Ordnungshütern ins Gesicht lachen. Skandalös! Wo soll das hinführen? Und das alles im Namen Gottes!
Und er macht die Leute am Feiertag gesund ohne Rechnung und holt die Leute weg von ihrem Arbeitsplatz und ihrer Familie und sagt: Keine Sorge, Gott sorgt für euch!

Wenn er nur verrückt wäre, nur ein Spinner, wie es so viele gibt. Aber er lässt die Menschen aufbrechen zu Hoffnung und Widerstand, er setzt Maßstäbe, die man schon längst im Alltag abgeschliffen hatte.
Er redet vom Glauben, der so radikal ist, dass alle Gesetze dagegen nur ein Kinderspiel sind. Ein Glaube, der den Mächtigen am Kragen packt und sagt: Du hast verloren! – Und den Elenden am Arm nimmt und sagt: Komm mit! Weißt du schon, dass du Gottes Kind bist? Nicht der Eltern, der Vorgesetzten, der Könige und Soldaten. Kein gehorsamer Pflichterfüller, sondern göttliches Kind! Du hast den größten und besten Vater, den man nur haben kann, und nur einen Herrn, dem du verantwortlich bist!
So ist wahr geworden, was der Psalmbeter so dringend erhofft hat:
Steh auf, Herr! Gott, erhebe deine Hand! Vergiss die Elenden nicht! Warum soll der Gottlose lästern und in seinem Herzen sprechen: »Du fragst doch nicht danach«? Du siehst es doch, denn du schaust das Elend und den Jammer; es steht in deinen Händen. Die Armen vertrauen sich dir an, du bist der Waisen Helfer.

In Jesus ist es wahr geworden, dass Gott das Elend und den Jammer sieht und der Gottlose Unrecht hat, der behauptet, Gott fragt sowieso nicht danach.
Ist die Welt eine andere geworden seitdem?

Äußerlich gesehen nicht. Noch immer funktionieren die menschlichen Gesellschaften auf dieselbe Weise; nur die Möglichkeiten und Methoden haben sich verändert. Aber der Stachel ist größer geworden seitdem. Wie ein Lauffeuer breitete sich die Botschaft aus von diesem Mann, der Gottes Gerechtigkeit und Gottes Liebe stark macht in der Welt.

Dabei schien auch bei ihm das alte Muster weiterzugehen. Er ahnte es, als er die Geschichte von den bösen Weingärtnern erzählte. Die Skrupellosen auf Gottes Erde schrecken auch vor Folter und Mord nicht zurück. Sie töten die Abgesandten genauso wie den Sohn und Erben. Hauptsache Gewinn! Die Gewalt und der mit ihr einhergehende Zynismus siegen immer wieder über Vernunft und Menschlichkeit. Es ist seit Kain und Abel so und war bei Jesus so und bei Mahatma Gandhi und Martin Luther King und Dietrich Bonhoeffer.
Die Gewalt siegt. Aber nur für den Moment.
Gottes Same ist unbesiegbar. Er mag in den Boden getreten werden und mag Dürrezeiten aushalten müssen, aber er wird immer wieder hervorbrechen. Die Namen der Attentäter sind aus unserem Gedächtnis verschwunden, aber die Namen der Getöteten haben wir bewahrt und sie sind uns Mahnung und Anstoß, dass Gottes Wille mehr wert ist als alle sonstigen Ordnungen. Sie sind uns ein Beispiel dafür, dass Mut möglich ist und dass das Vertrauen auf Gott übermenschliche Kräfte
verleiht.

Der Gottlose meint in seinem Stolz, Gott frage nicht danach, was er tut. »Es ist kein Gott«, denkt er. Und er merkt nicht, dass er dabei sich selber zu einer Karikatur des Menschen macht. Du siehst es doch! Sagt der Beter, und er hat Recht. Den Gottlosen holt der Spott ein und den Gewalttäter das Unrecht.

Es mag lange dauern, aber Gott hat Zeit.
In Leo Tolstois Erzählung »Nach vierzig Jahren« geht es um einen Mann, der, um aus dem Elend herauszukommen, einen Raubmord begeht. Er bleibt unerkannt und wird ein reicher Mann. Immer wieder aber beunruhigt ihn die Sorge, dass es doch noch herauskommen könnte und er seine gerechte Strafe erhielte. Da nichts geschieht, wird er langsam sicherer, und schließlich ist er überzeugt, dass es Gott nicht gibt und alles nur ein Kampf ums Dasein ist, in dem der Stärkere siegt. Und er hat eben gesiegt.
Aber von diesem Moment an, als er Gott für tot erklärt und das Leben als Daseinskampf, beginnt für ihn die Hölle. Denn wenn Gott tot ist und alle Menschen nur im Kampf miteinander stehen und einander beim Fortkommen im Weg sind, dann ist er ja auch anderen im Weg … Und so beginnt seine panische Angst, gehasst und verfolgt zu werden; und er hasst und fürchtet alle um sich herum, sogar Frau und Sohn, ja sogar sie am meisten, denn jeder will bestimmt an sein Erbe, an seinen Reichtum … Furchtbare Jahre ziehen sich bis zu seinem Tod, er ist seiner Umgebung ein Tyrann und selber einsam und zerfressen von Angst. Er stirbt plötzlich und scheinbar ruhig und bekommt eine ehrenvolle Beerdigung.
»Niemand außer Gott wusste etwas von dem Verbrechen Trofims noch etwas davon, welche Strafe ihn ereilt hatte mit dem Augenblick, da er den Gott in sich verloren hatte«, so schließt Tolstoi seine Erzählung.

Gott hat Zeit. Manchmal fast unerträglich lange. Aber das Vertrauen des Glaubenden setzt auf diese Gewissheit:
Das Verlangen der Elenden hörst du, Herr;
du machst ihr Herz gewiss,
dein Ohr merkt darauf,
dass du Recht schaffst den Waisen und Armen,
dass der Mensch nicht mehr trotze auf Erden.

Stolz und Gewalttat haben nicht das letzte Wort, und des Menschen Trotz gegen Gott ist nicht die größte Macht. Am Ende zeigt sich doch, dass Recht und Barmherzigkeit in Gottes Händen stehen. Und niemand daran vorbei kann.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Gewalt, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.