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Predigt vom 15.04.2018

Predigt zu Joh.21, 15-19
am 15.4.18 in Wilhelmsf./Heilig.
Miserikordias Domini

Als Jesus Petrus 3x fragt: "Hast Du mich lieb?"

Oder: Wie man mit schwerer Schuld umgeht

Nach dem Osterfrühstück (am See Genezareth,
der bei Johannes See von Tiberias heißt)
sagte Jesus zu Simon Petrus:
»Simon, Sohn des Johannes,
liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?«
Er antwortete ihm:
»Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.«
Da sagte Jesus zu ihm:
»Sorge für meine Lämmer!«
Dann fragte er ihn ein zweites Mal:
»Simon, Sohn des Johannes,
liebst du mich?«
Petrus antwortete:
»Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!«
Da sagte Jesus zu ihm:
»Führe meine Schafe zur Weide!«
Zum dritten Mal fragte er ihn:
»Simon, Sohn des Johannes,
hast du mich lieb?«

Da wurde Petrus traurig,
weil er ihn zum dritten Mal gefragt hatte:
»Hast du mich lieb?«
Er sagte zu Jesus:
»Herr, du weißt alles!
Du weißt, dass ich dich lieb habe!«
Da sagte Jesus zu ihm:
»Sorge für meine Schafe!
Amen, amen, das sage ich dir:
Als du jung warst,
hast du dir selbst den Gürtel festgebunden.
Du bist dahin gegangen, wohin du wolltest.
Aber wenn du einmal alt bist,
wirst du deine Hände ausstrecken.
Dann wird jemand anderes dich festbinden.
Er wird dich dahin führen, wohin du nicht willst.«
Mit diesen Worten deutete Jesus an,
wie Petrus einst sterben würde
und wie er dadurch
die Herrlichkeit Gottes sichtbar machen sollte.
Dann sagte Jesus zu Petrus: »Folge mir!«

Liebe Gemeinde,
kurz vor dem Tod, so sagt man, ziehen die Bilder des Lebens noch einmal an einem vorüber. Simon Petrus starb in Rom als Märtyrer. Welche Bilder werden vor seinem inneren Auge vorübergezogen sein? Viele Bilder von seinem Weg mit Jesus. Das Bild am See Genezareth, als er mit aller Kraft an dem vollen Netz zieht und Jesus sagt: „Von jetzt an wirst du Menschen fangen.“ Das Bild auf dem Gipfel des Berges, als er dem Himmel so nah war. Und zwei ganz besondere Bilder waren noch dabei – zwei Feuerbilder …
Das erste Bild: ein Feuer in einem Hof, so zwischen drei und vier Uhr nachts, dann wenn die Kälte am schwersten auszuhalten ist – Menschen sitzen um dieses Feuer herum, sie suchen die Wärme – abseits, in der Kälte der Nacht, steht ein Mann in Fesseln – und am Feuer sitzt einer seiner engsten Freunde. Der Mann zittert, nicht nur wegen der Kälte. Alle anderen haben sich aus dem Staub gemacht, nur er ist dem Freund gefolgt – bis in die Höhle des Löwen. „Du bist doch auch einer von den Jesus-Leuten“, sagt da jemand zu ihm – und die Angst greift mit aller Macht nach ihm, er will noch nicht sterben, er will leben, und er kann nicht, er kann es einfach nicht … „Ich kenne ihn nicht“ – dreimal kommt es über seine Lippen, solange, bis von Simon Petrus, dem treuesten aller Freunde Jesu nichts mehr übrig ist – alles verbrannt in diesem Feuer der Angst – und als die Sonne über der Asche aufgeht, ist auch Simons Bild von sich selbst zu Asche geworden. „Und er ging hinaus und weinte bitterlich“, heißt es in der Bibel.

Die Gefahr zu versagen, ist dann am größten, wenn du sowieso schon geschwächt bist – so wie bei Krankheiten: wenn du stark bist, wirst du nicht krank; aber wenn du ohnehin schon angeschlagen bist, dann wird dein Immunsystem mit den Viren oder Bakterien nicht fertig – beim seelischen Abwehrsystem ist es keinen Deut anders. Niemand versagt auf der Höhe seiner Kraft.

Peter ist glücklich verheiratet, er hat zwei Kinder – es war immer undenkbar für ihn, sich nach anderen Frauen umzuschauen – aber dann erleben sie in der Partnerschaft eine Durststrecke, es gibt Stress und Ärger mit den Kindern, sie sind sich uneins über die Erziehung und streiten viel; und dann ist er für eine Woche auf einer betrieblichen Fortbildung, und auf einmal ist er mitten drin in einer Affäre mit einer Kollegin; nach dieser Woche ist zwar alles wieder vorbei, aber jetzt steht er vor dem Scherbenhaufen; worüber er bei anderen immer gelächelt hat – „das kann mir nie passieren“ – jetzt ist es ihm passiert.
Marlene erkrankt schwer – vorher hat sie offensiv ihren Glauben gelebt und sich in der Gemeinde engagiert. Aber sie hat nie gedacht, dass Gott so etwas bei ihr zulassen könnte; und der Zugang zu Gott kommt ihr abhanden. Sie kann nicht mehr beten, statt Vertrauen zu haben, hat sie Aggressionen gegen Gott. Als sie wieder gesund ist, bleiben die Schuldgefühle: Ich habe versagt, als es ernst wurde. Warum habe ich alles losgelassen, was mich gehalten hat?

Simon Petrus hätte die Sache vielleicht gern mit Jesus geklärt, aber es ging nicht mehr – Jesus starb noch am selben Tag. Was macht ein Mensch in dieser Situation? Er geht zurück. So, als wolle er die Zeit zurückdrehen, ausradieren, was in den drei Jahren mit Jesus geschehen ist. Simon Petrus geht zurück an den See Genezareth – dahin, wo er lebte, bevor Jesus sein Leben auf den Kopf stellte.

Zurückgehen. Und auf einmal bist du wieder ganz am Anfang. All deine innere Entwicklung scheint umsonst gewesen zu sein. Es war eine einzige Selbsttäuschung, ein Strohfeuer, du warst nicht tauglich für den Ernstfall, du hast die Prüfung nicht bestanden, hast versagt, du hast gedacht, du könntest es, wüsstest es, alle anderen würden vielleicht scheitern, aber du doch nicht – und jetzt stellst du fest: du bist ein elendiger Schwächling …

Das zweite Bild: Manchmal bleibt ein Mensch an dieser Stelle stehen, und es ist eine Tragödie, wenn Biographien damit enden. Bei Simon Petrus gab es mal einen neuen Anfang – die Frage ist nur: woher nimmt ein Mensch die Kraft dazu?

Den ersten Schritt macht Petrus selbst: er bereut seinen Verrat. In so einer Reue ist vieles drin: der Schmerz über das, was ich dem anderen angetan habe – der Schmerz über seinen Schmerz, aber auch der Schmerz über mich selbst, der Schmerz über meinen Schmerz, dass ich nicht dem Bild entspreche, das ich selbst von mir hatte. Ich habe einen anderen Menschen enttäuscht, aber genauso habe ich mich selbst enttäuscht – der andere hat sich in mir getäuscht, und ich habe mich in mir selbst getäuscht – er konnte mir nicht trauen, ich kann mir selbst nicht (mehr) trauen – das zu spüren und auszuhalten ist schwer. Vor allem dann, wenn mich niemand entlastet.

Simon vermeidet es, sich selbst zu entlasten. Er tut das nicht, was in unserer Gesellschaft gang und gäbe ist: die Schuld zu leugnen oder zu verdrängen. Wie oft haben wir schon den Spruch gehört: „Ich habe mir persönlich nichts vorzuwerfen, aber aus Rücksicht auf die Interessen meiner Partei/Firma usw. …“ – manchmal glaub’ ich, die glauben das wirklich! Niemand will schuld sein in unserer Gesellschaft – ich glaube immer mehr, es liegt daran, dass es keine Absolution mehr gibt. Denn was mache ich, wenn ich öffentlich meine Schuld eingestehe und niemand nimmt sie mir ab? Niemand sagt mir: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Nichts Schlimmeres als Schuld, die ewig mit mir geht.

Simon sieht seine Schuld sehr wohl. Er sieht, was er kaputt gemacht hat. Aber das allein hätte nicht für einen neuen Anfang gereicht. Simon Petrus ist über dieses Bild von der Asche hinweggekommen, weil es da noch ein zweites Feuerbild gab:

Wieder brennt ein Feuer – diesmal nicht in Jerusalem, sondern am See Genezareth – und es ist nicht Nacht, sondern Tag, heller Morgen – Fische brutzeln über dem Feuer – eine Gruppe sitzt um das Feuer herum – eine fröhliche, gehobene Stimmung, nicht angstvoll, kein Geruch von Folter und drohendem Tod in der Luft – zwei Männer sind im Gespräch: Simon Petrus und der, der tot war und jetzt lebt. Jesus.

Es ist wie ein Traum, diese zweite Feuerbild. Zu schön, um wahr zu sein. Jesus isst mit Simon Petrus. Nach orientalischer Sitte heißt das: nichts steht zwischen den beiden. Es ist alles in Ordnung. Jesus hat ihm verziehen. Sie sind versöhnt.
Aber was ist mit der Schuld? Spielt das alles keine Rolle mehr? Unter den Teppich gekehrt? Das würden wir gern für uns selbst wünschen, dass nichts mehr zur Sprache kommt, dass kein Hahn mehr danach kräht (merken Sie, woher dieser Ausspruch stammt?!), eine schnelle Versöhnung und dann wieder zur Tagesordnung zurück. Aber das Bild kippt nicht in die Idylle. Als sie fertig sind mit Essen, fragt Jesus: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?“ Simon sagt Jesus, nicht Petrus (Fels) ! Den ‚Felsen’ gibt es noch nicht wieder. „Simon, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?“
Jesus geht nicht über das Scheitern hinweg. Zuerst kommt die Vergebung, aber das Versagen wird noch mal angesprochen. Darüber zu reden ist wichtig – sogar Jesus ist es wichtig, dass es zur Sprache kommt. Wie viel mehr erst, wenn Menschen aneinander schuldig werden: da muss darüber geredet werden, es geht nicht ohne. Wer einen anderen so tief verletzt hat, muss ihm das Recht zugestehen, darüber zu reden. Wer sich Vergebung wünscht, muss auch zum Gespräch bereit sein.
Auf der anderen Seite ersetzt das Gespräch nicht die Vergebung. Und wer vergeben hat, soll nicht ständig wieder das Gespräch darüber suchen. Dreimal fragt Jesus den Simon, dann ist es gut. Wer einen anderen ständig mit seiner Schuld konfrontiert, demütigt den, dem er doch schon vergeben hat.

Zweimal sagt Simon: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Und beim dritten Mal: „Herr, du weißt alles! Du weißt, dass ich dich lieb habe, du weißt, dass ich dir treu sein will, aber du weißt auch, was geschehen ist, und du weißt, dass mein Mund oft schneller ist als mein Kopf, du weißt vor allem, dass ich immer wieder auch Angst habe, dass ich nicht so stark bin, wie ich gern sein möchte – ja, genauso liebe ich dich!
Und Jesus sagt zu ihm: „Folge mir!“ Genauso wie damals bei ihrer ersten Begegnung! Simon Petrus wird wieder berufen. Und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Jesus ihn auf den richtigen Weg zurückrufen muss.

Das Leben als Christ oder Christin bedeutet nicht einmal Berufung für immer, sondern immer wieder auch Rückschläge, Durstrecken, Scheitern und Versagen, und neue Berufungen – immer wieder die Stimme: „Folge mir!“

Scheitern ist menschlich, schuldig werden auch – niemand ist ohne Schuld. Gerade deshalb brauchen wir Jesus, der zu Petrus sagt: „Führe meine Schafe zur Weide!“ Tu (wieder) das, wozu ich dich bestimmt habe! Du hast eine Berufung, eine Bestimmung! Kehre zu ihr zurück, ich habe noch viel mit dir vor!
So entsteht aus der Asche ein neuer Petrus – kein andrer Petrus als vorher, nicht vollkommen, nicht immun gegen Versagen und Scheitern, aber schön durch die Liebe Jesu.
Martin Luther hat dazu ein wunderbares, tiefsinniges Wortspiel geschaffen: Sünder sind schön, weil sie geliebt werden. Sie werden nicht geliebt, weil sie schön sind, sondern sie sind schön, weil sie geliebt werden.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.