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Predigt an Pfingstsonntag

Predigt zum 150.Kirchenjubiläum
am Pfingstsonntag 2018 in Wilhelmsfeld


Liebe Festgemeinde,
ein schönes Fest wird gefeiert. Ein Jubiläum dieser Kirche. Erinnerungen kommen zusammen: Taufe, Konfirmation, Trauung – hier haben Menschen an den Weichen des Lebens Gemeinschaft erlebt, haben Gottes Zusage gehört, haben mit Lob und Dank geantwortet. Hier konnten Menschen sich auseinandersetzen mit ihren Zweifeln und Fragen. Und durften kommen und bleiben, auch wenn sie nicht fertig waren.

Hier ist auch Gottes Trost verkündet worden in Zeiten der Trauer und der Verzweiflung.
Hier ist Mut zugesprochen worden für den Weg durch den Alltag, für den Weg der Barmherzigkeit und des Friedens.

Heute daran zu erinnern, bedeutet zugleich zu wissen: In vielen Kriegen werden Häuser und Kirchen zerstört. In Indonesien, in Nigeria ... Dennoch ist die Botschaft der Hoffnung nicht verstummt. Und von hier aus, aus dieser Kirche heraus richten sich die Fürbitten an Gott für die Notleidenden in der weiten Welt. Und Hilfe wird organisiert – gemeinsam mit den Netzwerken, - Brot für die Welt, Diakoniekatastrophenhilfe – die unsere Kirche bereithält.

Von der Kirche ist heute die Rede; von uns, den Getauften; von der Gemeinschaft, die seit 2000 Jahren in unterschiedlichen Formen organisiert ist; von Gemeinschaft ist heute die Rede, die seit 150 Jahren sich in dieser Kirche versammelt.
Eine Gemeinschaft, die all die Zeit von der Botschaft der Barmherzigkeit Gottes in Jesus Christus lebt, die immer wieder – so wie neugeborene Kinder nach Milch schreien – nach dem unverfälschten Wort Gottes verlangt hat, um im Glauben zu wachsen, wie es der Schreiber des 1. Petrusbriefes ausdrückt.

Leider fühlen sich die meisten Christen heute, was ihre Glaubensnahrung angeht, schon lange abgestillt. Viele sagen: „Ich bin getauft und konfirmiert und das reicht.“
Damit wirken die gegenwärtigen Angebote der Kirche eher wie ein Nachtisch, den man, je nach dem Grad der Sättigung, auch für entbehrlich halten kann.
Aber das hat Folgen: Der Glaube stirbt an fehlender Nahrung; die Überlieferung des Glaubens bricht ab. Vor allem, wenn das soziale Umfeld immer weniger von christlicher Tradition geprägt ist. Dabei würde es schon reichen, wenn jemand die Sehnsucht nach der Sehnsucht nach Glauben verspüren würde.

„Niemals könnte ich mich entschließen, einer der bekannten Kirchen beizutreten. Keine von ihnen scheint mir perfekt“, sagte ein Zuhörer nach dem Vortrag eines Londoner Predigers.
„Tja, mein lieber Freund“, antwortete dieser, „sollten Sie jemals eine perfekte Kirche finden, so wird sie sich weigern, Sie aufzunehmen, denn sobald Sie aufgenommen wären, hörte sie auf, perfekt zu sein.“

Zunächst einmal werden wir mit dem Mann daran erinnert, welch hohe Erwartungen manche Menschen von der Kirche haben. Sie muss perfekt sein! Sie muss ein hohes Ideal erfüllen. Sie darf keine Schwächen zeigen! Sie muss durch und durch gut sein.

Aber hat nicht schon Jesus diesen Anspruch zurückgewiesen? „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut denn Gott allein!“, hat er dem reichen Jüngling gesagt und gesehen, wie auch dieser die Messlatte des Gutseins nicht hundertprozentig erreichen konnte.
Eine perfekte Kirche in einer nicht perfekten Welt – wie soll das zugehen? So ist die Antwort auch nachzuvollziehen: „Sollten Sie jemals eine perfekte Kirche finden, so würde sie aufhören, perfekt zu sein, sobald Sie sich ihr anschließen.“

Vergegenwärtigen wir uns, dass eine jede Kirche aus einer Vielzahl von Menschen besteht. Und jeder dieser vielen Menschen ist anders und einzigartig. Jeder hat seine ganz persönlichen Stärken und Schwächen. Jede hat ihre Sonnen- und Schattenseite, ist gut und kann schwierig sein. Und wir machen alle unsere Fehler: in unseren Beziehungen, im Beruf, in der Erziehung, in unserer Lebensführung, in so vielen Dingen des Lebens.
Es kann also keine perfekte Kirche geben, weil sich Kirche immer in unvollkommenen Menschen darstellt. So ist es unfair, seine eigene Unvollkommenheit zu übersehen, stattdessen aber auf die Kirche zu schauen und von ihr Vollkommenheit zu erwarten!
Ist es nicht vielmehr so, dass ein unvollkommener Mensch zu einer unvollkommenen Kirche viel besser passt?
Auch wenn wir jetzt uneingeschränkt mit Ja antworten würden, bliebe noch die Frage, wie wir beide zusammenbringen: den unvollkommenen Menschen mit der unvollkommenen Kirche.

Vielleicht hilft uns eine Geschichte von Mark Twain, der Antwort näherzukommen:
Es ist Samstagnachmittag. Freizeit für alle Jungen, außer für Tom Sawyer, der dazu verurteilt ist, einen dreißig Meter langen, neun Fuß hohen Zaun zu streichen. Das Leben scheint ihm öde, das Dasein eine Last. Es ist nicht nur die Arbeit, die er unerträglich findet, sondern besonders der Gedanke an alle Jungen, die vorbeikommen und ihn auslachen werden, weil er zu arbeiten hat.
In diesem dunklen, hoffnungslosen Moment, erklärt Mark Twain, kommt Tom eine Eingebung. Eine große, eine herrliche Eingebung! Und kurz darauf schon nähert sich ein Junge, Ben, dessen Spott er von allen am meisten gefürchtet hatte:
»Hallo, alter Knabe, Strafarbeit, ja?«
»Ach, du bist’s, Ben, ich hab’ gar nicht aufgepasst!«
»Hör, du, ich geh schwimmen, willst du vielleicht mit? Aber was sage ich da, du arbeitest natürlich lieber, völlig klar, du bleibst viel lieber hier, stimmt´s?«
Tom maß ihn erstaunt von oben bis unten.
»Was nennst du eigentlich arbeiten?«
»W-was? Ist das, was du da machst etwa keine Arbeit?«
Tom tauchte seinen Pinsel wieder ein und bemerkte gleichgültig:
»Vielleicht – vielleicht auch nicht! Ich weiß nur soviel, dass es dem Tom Sawyer passt.«
»Na, du willst mir doch nicht weismachen, dass du’s zum Vergnügen tust?«
Der Pinsel strich und strich.
»Zum Vergnügen? Na, ich seh nicht ein, warum nicht. Kann unsereiner denn alle Tage ’nen Zaun streichen?«

Das warf ein neues Licht auf die Sache. Ben überlegte und knupperte an seinem Apfel. Tom fuhr sachte mit dem Pinsel hin und her, um die Wirkung zu prüfen, besserte hier und da noch etwas nach, prüfte wieder, alles, ohne sich im Geringsten um Ben zu kümmern. Dieser verfolgte jede Bewegung eifriger und eifriger mit steigendem Interesse.
Plötzlich sagte er:
»Du, Tom, lass mich ein bisschen streichen!«
(Aus: Mark Twain, Tom Sawyer. © Atrium Verlag, Zürich)
Gegen Mitte des Nachmittags hat der Zaun drei Lagen Farbe, und Tom schwimmt im Reichtum: Für das Privileg, einen Teil des Zauns streichen zu dürfen, hat sich ein Junge nach dem andern von seinen Kostbarkeiten getrennt. Es ist Tom gelungen, harte Arbeit als ein Vergnügen hinzustellen, für das man zu zahlen hat, und seine Freunde haben wie ein Mann diese Umdefinierung der Wirklichkeit angenommen.

Um es nun rasch auf den Punkt zu bringen: Können wir Kirche nicht mit dem Streichen eines Zaunes vergleichen? Wenigstens gefühlsmäßig lässt sich sagen, dass Kirche bei manchen Menschen ein ähnliches Gefühl wie bei Tom Sawyer erzeugt, der sich geradezu verurteilt fühlt, diese Streicharbeit erledigen zu müssen.
Die vorbeikommenden Freunde Toms auf dem Weg zu ihrem Vergnügen erkennen, dass Tom zu arbeiten hat. Ihrer Ablehnung und ihres Spottes ist sich Tom sicher. Jeder wird ihn darum belächeln, dass er diesen Zaun zu streichen hat, während sie auf dem Weg zum Schwimmbad sind und etwas Genüssliches tun.

Den Vergleich zur Kirche brauche ich jetzt gar nicht auszumalen. Gibt es nicht auch immer wieder Spott für die, die sonntags in die Kirche gehen oder sich für die Kirche engagieren? Ich kenne Menschen, die in ihrer sozialen Gruppe damit ein Problem haben und nicht immer wissen, wie sie Sticheleien begegnen sollen? Auch so mancher Theologiestudent wird sich auf einer Uni-Fete zweimal überlegen, ob er sich als einen solchen outen soll.

Aber Tom hat eine glänzende Idee! Mit seiner Bemerkung: „Kann unsereiner denn alle Tage ’nen Zaun streichen?“ verändert sich mit einem Male die ganze Bewertung dessen, was Tom tut. Er erklärt sein Tun zu etwas ganz Besonderem. Und plötzlich möchte jeder seiner Freunde auch tun, was Tom tut, nämlich diesen Zaun streichen.

Wenn uns das gelänge, was Tom gelungen ist, nämlich die Kirche als etwas Besonderes, geradezu Einmaliges zu bewerten und nicht als eine leidige Pflicht, zu der man verurteilt ist, dann würde diese unvollkommene Kirche wie ein neu zu streichender Zaun erscheinen und wir würden die Helfer gar nicht mehr zählen können, die an diesem Zaun mitstreichen wollten.

Plötzlich wäre es einem etwas wert, sich für diese Kirche zu engagieren. Mit einem Male wäre man bereit, Zeit und Kostbarkeiten für das Dabeisein, das Mitmachen, das Anteilhaben hinzugeben. Es wäre eine Freude und Lust, mitwirken zu können. Und die Gemeinschaft, die dabei entsteht, würde ihre Ausstrahlung nicht verbergen können.
Schön wär´s, wird jetzt vermutlich mancher sagen. Aber an Pfingsten, dem Fest des Heiligen Geistes, dem Fest der Kirche wird man ja wohl noch träumen dürfen.

Sehen wir Kirche doch einmal unter diesem Gesichtspunkt des Besonderen: Kann unsereiner denn alle Tage einen Gottesdienst feiern? Oder: Kann unsereiner denn alle Tage das Angenommensein in seiner eigenen Unvollkommenheit spüren? Oder: Kann unsereiner denn alle Tage Gott eine Freude machen?

Wer seine berechtigten Zweifel an der Kirche hat, der möge Mutter Teresa hören. Auf die Frage eines Journalisten an Mutter Teresa: »Was meinen Sie, was sich an der Kirche ändern sollte?« Ihre Antwort: »Sie und ich!«

Mit und durch Gottes Geist werden solche Veränderungen möglich werden, und wir werden uns dem nähern, was so klingt:
Ich träume von einer Kirche,
die sich in Bewegung setzt auf Jesus Christus zu,
die also offene Ohren und Augen hat, für das,
was in der Welt und in den Herzen der Menschen
vor sich geht.
Ich träume von einer Kirche,
in der verschiedene Denkweisen,
Glaubensrichtungen und Lebensstile
ihren Platz nebeneinander haben,
ohne dass sie geringgeschätzt oder verachtet werden.
Ich träume von einer prophetischen Kirche,
die unerschrocken die Wahrheit verkündet,
auch gegenüber den Mächtigen, im Bewusstsein,
dass »die Wahrheit frei machen wird« (Joh 8,32).
Ich träume von einer Kirche,
die Hoffnung hat und die Hoffnung macht
gerade in einer Welt,
die im Unfrieden lebt und deren Schöpfung bedroht ist.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.