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Predigt vom 03.06.2018

Predigt zu Lk.16, 19-31 am 3.6.18 in Wilhf./Heilig.
1. Sonntag nach Trinitatis

Der Traum vom reichen Mann und armen Lazarus

Liebe Gemeinde,

ich lade Sie ein, die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus als Traum zu verstehen, als Traum, den sowohl der Reiche träumt als auch Lazarus, der Bettler.

Für den Reichen ist es gewiss ein Alptraum. Für Lazarus, den auf den Hund Gekommenen, dürfte es ein immer wiederkehrender Tagtraum sein, aus Sehnsucht geboren.

Wenn wir träumen, öffnet sich eine Tür in eine Welt jenseits des „normalen“ Alltags. Manchmal helfen solche Träume zu überleben, über den Tag und die Nacht hinaus weiterzuleben, Flucht, Krankheit und Verzweiflung zu überstehen.
Nicht ohne Grund haben daher viele Träume ihren Ort in Grenzsituationen menschlichen Lebens, z.B. die Träume der Pubertät, der Midlife-Krise, die Träume im Sterbeprozess. Manchmal sind es quälende erschreckende Träume über verpasste Gelegenheiten, Alpträume wie der des reichen Mannes bei Lukas. Gut, wenn so ein Traum dann zur Trauer führt, dazu führt, den eigenen Anteil an der Misere wahrzunehmen und sich ihm zu stellen.

Träume, die solcherart an Grenzen erwachen, sind mehr als eine Flucht ins Reich der Phantasie. Mit ihnen reiben wir uns an den Realitäten. Und das hat produktive Kraft, kann Grenzen und Mauern verrücken und – in einem biblischen Bild gesprochen – „Berge versetzen“. Träume stiften zur Hoffnung an, dass es nicht so bleiben muss, wie es ist, dass ich nicht so bleiben muss, wie ich bin.
Träume wie der, den Lukas erzählt, sind Seismographen der Wirklichkeit: verdrängter, verdorbener, versäumter oder ersehnter Wirklichkeit. Träume helfen, Wirklichkeit wahrzunehmen, besser wahrzunehmen. Insofern verändern Träume wenn doch nicht gleich die Wirklichkeit, so doch wenigstens den, der träumt.

„bürger und bürgerinnen“, schreibt der Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti, „schließt frieden mit euren träumen / setzt eure namenszüge darunter / seid gut zu ihnen / so sind sie auch gut zu euch / und machen euch besser.“

Wenden wir uns nun den beiden Träumern zu, zunächst dem reichen Mann.
Die Geschichte beschreibt ihn als einen Menschen, der sein Leben genießt, mit allen Freuden, die er sich leisten kann, und sie tut das ohne jeglichen moralischen Zeigefinger.
Was der Reiche allerdings vergisst, das ist der Blick vor seine Tür, wo die Armen der Welt von dem leben, was von den Tischen der Reichen fällt.

Jeder Hörer damals wusste wie das gemeint war: Da man in der Zeit, als Jesus diese Geschichte erzählt, mit den Händen aß - Messer und Gabel gab es nicht - mussten die Hände ja auch gesäubert werden. Dies tat man nicht mit Haushaltstüchern, sondern mit Brotfladen. Diese saugten das Fett auf und reinigten so die Finger. Das Brot wurde dann zu Boden geschmissen und nach draußen ausgefegt. Die Armen vor der Tür waren dankbar für dieses Brot, das der zusammengekehrte Müll des Wohlstandes war.

Der Reiche ist derart mit sich selber beschäftigt ist, dass er den Armen nicht wahrnimmt, sich nicht berühren lässt von dem Schicksal des Menschen, der vor seiner Tür liegt.
Worum es hier geht, beschreibt eine Geschichte aus dem Judentum auf eindrückliche Weise:

„Rabbi, ich verstehe das nicht: Kommt man zu einem Armen, der ist freundlich und hilft, wo er kann. Kommt man zu einem Reichen, der sieht einen nicht einmal. Was ist das bloß mit dem Geld?
Da sagt der Rabbi: Tritt ans Fenster! Was siehst du! - Ich sehe eine Frau mit einem Kind. Und einen Wagen, der zum Markt fährt. - Gut Und jetzt tritt vor den Spiegel! Was siehst du? - Nun, Rabbi, was werde ich sehen? Mich selber! - Nun siehst du: das Fenster ist aus Glas gemacht und der Spiegel ist aus Glas gemacht. Man braucht bloß ein bisschen Silber dahinter zu legen, schon sieht man nur noch sich selbst.“

Der reiche Mann wird durch seinen Traum darauf gestoßen, dass er statt durch Glas nur auf das Silber schaut und dadurch nur sich selber sieht. 
Er erfährt dabei den Unterschied zwischen Himmel und begreift, dass er in seiner Ichbezogenheit ein armer Reicher ist.

Er beginnt zu ahnen, was er sich selbst antut, wenn er die Not des andern nicht wahrnimmt. Wer nur um sein eigenes Ich kreisend „alle Tage herrlich und in Freuden“ lebt, spaltet das Arme, Schwache und Verwundete in sich selber ab, spaltet es ab, dass auch in ihm ein armer Lazarus steckt, der um Nahrung und Anerkennung, um Erbarmen bittet.

Damit sind wir bei Lazarus, der, wie gesagt, den gleichen Traum hat wie der Reiche.
Der Gedanke der ausgleichenden Gerechtigkeit, der in diesem Traum so drastisch zum Zuge kommt, dürfte wohl für uns, die wir bei Martin Luther in die Schule gingen, äußerst anstößig sein. Und – Gott sei Dank! – ist dieser Gedanke auch nicht Teil unserer Glaubensbekenntnisse. Ich und viele meinesgleichen würden sich dann wohl auch nicht im Himmel wieder finden.
Ich kann es aber nachempfinden, dass einer, der immer „unten“ war, immer gedemütigt und benachteiligt, manchmal davon träumt, „in Abrahams Schoß“ zu sein, davon träumt, dass die Welt eines Tages vom Kopf wieder „auf die Füße gestellt“ wird und dass er so zu seinem Recht und zu seiner Würde kommt. Mit den Kategorien „richtig“ und „falsch“ wird man diesem Sehnsuchtstraum der an den Rand gedrängten und unterdrückten Menschen sicher nicht gerecht.
Die Sehnsucht eines durch Jesus Christus zu Gott gefundenen Menschen reicht jedoch weiter: Gott möge Recht schaffen und dem, der kein Recht hat, zum Recht verhelfen. Es ist die Hoffnung auf den gnädigen Gott, der Recht schafft. Und Recht ist dann nicht das Gesetz des Ausgleichs, nicht Urteil, Gericht und Strafe. Gottes Recht ist mit der Liebe verschwistert.

Recht, das dem Rechtlosen hilft, ist ein allgemeiner humaner Konsenswert, einleuchtend auch für Nichtchristen: dass es unter Menschen gleich und gerecht und menschlich zugehen soll. Das lehrt in kräftigen, emotionsgesättigten Bildern der Traum vom reichen Mann und armen Lazarus. Das kann dann ein Traum sein, der in Erfüllung geht, jetzt schon, wenn Christen die Seligpreisungen der Bergpredigt wirklich ernst nehmen und sie – zumindest unter sich – gelten lassen: Selig – wahrgenommen und als Träger der Verheißung unter euch anerkannt – sind, die da geistlich arm sind, die Leid tragen, die sanftmütig sind, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten.
Liebe Gemeinde, was könnte dieser Traum, den der Reiche und Lazarus träumen, uns sagen?

Milan Kundera erzählt in seinem 1987 erschienenen Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Sabina, einer Prager Künstlerin, die auf der Kunstschule gezwungen war, „realistisch“ zu malen; „nichtrealistische Kunst wurde als Untergrabung des Sozialismus angesehen“. Sie perfektionierte den Realismus, bis ihre Bilder nicht mehr von Fotografien zu unterscheiden waren. Bei einem Bild, das eine Baustelle zeigt, hält sie inne:

„Dieses Bild habe ich verdorben. Rote Farbe ist darüber gelaufen. Erst war ich untröstlich, aber dann fing der Fleck an, mir zu gefallen, weil er wie ein Riss aussah. Als wäre die Baustelle keine wirkliche Baustelle. Ich begann, an dem Riss herumzuspielen, ihn zu vergrößern und mir auszumalen, was man dahinter alles sehen könnte. So habe ich meinen ersten Zyklus gemalt, den ich ‚Kulissen’ nannte. Selbstverständlich durfte niemand die Bilder sehen. Man hätte mich von der Schule geworfen. Vorne war immer eine vollkommen realistische Welt, und dahinter, wie hinter der zerrissenen Leinwand eines Bühnenbildes, konnte man etwas anderes sehen, etwas Geheimnisvolles oder Abstraktes.“
Sie verstummte und fügte dann hinzu: „Vorne war die verständliche Lüge und hinten die unverständliche Wahrheit.“

Will das der Traum vom reichen Mann und armen Lazarus bewirken: eine Heilungsgeschichte, die mit dem genauen Wahrnehmen beginnt, mit dem „Aufbrechen“ der harmlos eindimensional erscheinenden Wirklichkeit, „Normalität“ genannt?
Denn das ist ja die Tragödie des reichen Mannes, dass er den Bettler nie wirklich sieht. Der arme Mann ist für ihn Teil der Landschaft. Es ist normal, wie Lazarus lebt und leidet.

Das aber ist die Möglichkeit von uns Christen: zu sehen, wahrzunehmen die Hartz IV-Empfänger, die Nichtsesshaften und Obdachlosen, die psychisch Kranken, die Langzeitkranken, die Pflegeheimbewohner, die durch das soziale Netz Gefallenen, die dem Konsumdruck nicht widerstehen konnten und sich verschuldeten, um nur einige Beispiele zu nennen. Sie alle dürfen einfach nicht selbstverständlicher Teil unserer Landschaft bleiben.

Ich weiß keine Lösung für die Armut. Aber können wir Christen nicht zumindest für die Armen sprechen? Können wir nicht als Vermittler zwischen den Mächtigen und den Armen stehen?
Ich denke, Christen stehen notgedrungen auf der Seite der Armen, nicht um sie zur Gewalt und Revolution anzustiften, sondern um ihr Anliegen vor die Türen der Reichen und der Mächtigen zu tragen, denn wir wissen, dass dort, wo Leid ist, auch Jesus Christus ist.

Lazarus – Jesus: Beide Namen bedeuten dasselbe: Gott hilft.
Gott hilft durch die Gemeinde, die wahrnimmt, auch ökumenisch wahrnimmt und teilnimmt. So wird die christliche Gemeinde selbst zum Evangelium, zur frohen Botschaft.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.