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Predigt vom 17.06.18, Vorstellungsgottesdienst von Prarrerin Dr. Silke Dangel

Predigt über Lk 15, 1-7
2. Sonntag nach Trinitatis 2018
Pfrin. Dr. Silke Dangel – Evangelische Kirche Wilhelmsfeld

Wer sucht, der wird gefunden!

Wer suchet, der findet?
Liebe Gemeinde,
„Wer suchet, der findet“, so rief meine Mutter mir zu, wenn ich wieder einmal hektisch durchs Haus eilte, meinen Schlüssel suchend. Und: sie hatte Recht. Natürlich wurde ich fündig – und meistens lag der Schlüssel auch noch dort, wo ich ihn am Abend zuvor hingelegt hatte. „Wer suchet, der findet, verlass ich drauf!“
Neulich ertappte ich mich dabei, dass ich diesen Satz zu meiner 6-jährigen Tochter sagte. Zuerst war es die Überraschung, dass ich mir die mütterlichen Ratschläge zu eigen gemacht hatte, dann war es ein gewisses Unverständnis darüber, wie mir ausgerechnet dieser Satz über die Lippen kommen konnte: „Wer suchet, der findet.“
Stimmt das eigentlich? Wird man fündig, wenn man sucht?

Suchen gehört zum Menschsein. Irgendwie sind wir immer auf der Suche. Nach kleinen oder nach großen Dingen. Es fängt an, dass man die Geldbörse sucht oder die Brille. Es geht weiter mit der Suche nach passenden Geschenken, nach passender Kleidung oder nach günstigen Angeboten. Es gibt die Wohnungssuche, Jobsuche, Partnersuche. Wir suchen nach der passenden Pfarrperson oder nach der richtigen Gemeinde.
Und dann gibt die Suche nach den ganz wichtigen Dingen: die Suche nach dem Glück, nach dem Sinn des Lebens, die Suche nach Gott. Suchen gehört zum Menschsein dazu. Auch die Suche nach Gott. „Wer suchet, der findet?“

Lukas 15, 1-7
Ich lese aus dem Evangelium nach Lukas im 15. Kapitel in der Übersetzung der guten Nachricht.
 1 Eines Tages waren wieder einmal alle Zolleinnehmer und all die anderen, die einen ebenso schlechten Ruf hatten, bei Jesus versammelt und wollten ihn hören.
 2 Die Pharisäer und die Gesetzeslehrer murrten und sagten: »Er lässt das Gesindel zu sich! Er isst sogar mit ihnen!«
 3 Da erzählte ihnen Jesus folgendes Gleichnis:
4 »Stellt euch vor, einer von euch hat hundert Schafe und eines davon verläuft sich. Lässt er dann nicht die neunundneunzig allein in der Steppe weitergrasen und sucht das verlorene so lange, bis er es findet?
 5 Und wenn er es gefunden hat, dann freut er sich, nimmt es auf die Schultern
 6 und trägt es nach Hause. Dort ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: 'Freut euch mit mir, ich habe mein verlorenes Schaf wieder gefunden!'
7 Ich sage euch: Genauso ist bei Gott im Himmel mehr Freude über einen Sünder, der ein neues Leben anfängt, als über neunundneunzig andere, die das nicht nötig haben.«

„Wer suchet, der findet.“ Im Gleichnis macht der Hirte sich auf die Suche und findet das verlorene Schaf. Er hat die 99 anderen zurückgelassen, um das eine zurückzuholen. Der gute Hirte, der das Verlorene sucht. Ein wunderschönes Bild für Gott. Wohlvertraut und tröstlich.
So wie das Suchen dem Menschen eigen ist, so gehört es offenbar auch zum Gott-Sein Gottes. Der Hirte sucht das Schaf. Gott sucht den Menschen. 

Gottes Suche nach dem Menschen
Gott sucht den Menschen, das erzählt die Bibel immer wieder – mit Geschichten, die zu Herzen gehen. Gott sucht. Nicht der Mensch. Gott sehnt sich nach dem Menschen.
Schon ganze vorne, auf den ersten Seiten der Bibel steht es: Gott sehnt sich nach den Menschen, von Anfang an. Doch der Mensch geht eigene Wege und verschwindet.. „Mensch, wo bist Du?“ (Gen 3,9).
Die Paradiesgeschichte erzählt, wie Adam und Eva, kaum geschaffen, schon nicht mehr zu finden sind. Auf Abwege gekommen, verirrt, verloren im Unbestimmten. Doch: Gott sucht. „Mensch, wo bist Du?“ Er lässt den Menschen nicht im Stich. Er macht sich noch im Paradies auf die Suche. Schaut womöglich hinter jeden Baum, lugt unter jeden Busch, guckt hinter jeden großen Stein. „Mensch, wo bist du?“
Die Geschichte ging nicht gut aus. Gott hat die Menschen gefunden, aber wie verändert sie waren – so verändert, dass sie weg wollten und weg sollten aus dem Paradies. So verändert, dass sie nicht mehr zusammenpassten – Gott und der sündige Mensch, der sich, abgekehrt von seinem Schöpfer, ganz ins Leben hineinbegeben hat. Den Blick nach vorne gerichtet, nach Freiheit strebend , das Leben liebend oder an ihm verzweifelnd, und immer auf der Suche nach den ganz großen Dingen. Nicht ahnend, dass dies nur immer weiter in die Gottverlassenheit führt.

„Mensch, wo bist du?“
Gott sucht die Menschen. 
Denn die Sehnsucht ist ihm geblieben – Gott sehnt sich nach uns Menschen und er sucht nach denen, die verloren gegangen sind. Verlorengegangen im Leben.

Verloren sein
Manchmal spielten wir Verstecken:
„Eins, zwei, drei, vier Eckstein. Alles muss versteckt sein. Hinter mir und vor mir, gilt es nicht – ich komme!“ Alle Kinder mussten sich rasch ein Versteck suchen. Bloß nicht als erstes gefunden werden! Doch anfangs versteckte ich mich immer so harmlos, dass ich zu den Ersten gehörte, die entdeckt und abgeschlagen wurden.
Eines Tages aber fand ich das Versteck meines Lebens: einen Busch! In den ich kroch und konnte alle beobachten, während mich niemand sah. Ich fühlte mich ganz sicher und glücklich in meinem Versteck. Doch dann geschah es: Die anderen gingen nach Hause, suchten mich nicht mehr. Völlig verloren saß ich in meinem Versteck, war irritiert, ging sprachlos nach Hause und hatte nichts mehr zu sagen.

Stell dir vor, du hast dich versteckt und niemand sucht dich!
Das ist nicht bloß ein Kinderspiel. Das ist ein Lebensspiel.
So viele Menschen, die sich versteckt haben, aber die nicht mehr gesucht werden! Irgendwie hoffen sie doch, dass einer mal kommt und nach ihnen fragt. Wo sie eigentlich geblieben sind. Aber: es kommt keiner mehr. Weil mit dem Verlorengehen das Vergessensein einhergeht.

Verloren sein.
Das kann ganz einfach heißen: ich bin out. So jedenfalls kommt es mir vor, wenn ich mit Jugendlichen darüber spreche, warum sie immer und überall ihre Handys und Smartphones dabeihaben. Nicht schreiben zu können? Undenkbar! Nicht mitspielen können in diesem schönen Spiel von Whatsapp, Facebook und Instagram? Unmöglich. Da ist die Angst, vergessen zu werden. Wenn ich nicht mitmache, dann denkt niemand an mich. Und so warte ich sehnsüchtig darauf, dass endlich jemand schreibt oder anruft. Eigentlich ganz harmlos. Doch was ist, wenn sich keiner meldet? Da kommst du dir ziemlich verloren vor. Dann kann dir regelrecht die Decke auf den Kopf fallen. Dann ist Schluss mit lustig.

Verloren Sein.
Manche Menschen verirren sich. Eine falsche Entscheidung, die Flucht nach vorne. Und der Weg wird immer enger, die Luft immer dünner. Es ist so schwer, einen Fehler zuzugeben. Die Angst, das Gesicht zu verlieren, der Stolz, etwas einzugestehen. Ich krieg das schon hin. Immerhin bleibe ich mir treu. Was brauch ich die anderen. Und dann stehst du allein da. Niemand mehr, der dich hält, der dir zuhört, der dich tröstet. Menschen gehen verloren durch ihre Selbstbezogenheit, die andere ausgrenzt, und so in die Einsamkeit führt. Die modernste Form der Verlorenheit. Alles, was ich zum Leben brauche, ist in mir selbst drin. Aber: Was ist, wenn ich nichts mehr finde? Dann gerät Dein Leben aus den Fugen.

Verloren sein.
Das Gefühl des Verlorenseins kann sich bis ins Unermessliche steigern. Wenn der Arzt ans Krankenbett tritt. „Da ist nichts mehr zu machen“. Wir haben alles versucht, aber der Krebs hat zu weit gestreut. Keine Chance auf Heilung.“ Da entgleitet dir der Boden unter den Füßen. Du bist hoffnungslos verloren.

Stell dir vor, du bist verloren gegangen und niemand sucht dich.
Verloren ist, was nicht mehr dort ist, wo es hingehört. Wo etwas verloren ist, da zerreißt ein Zusammenhang. Wir leben einsam, alleingelassen, ohne Sinn, zusammenhangslos, in der Gottesferne. Wir suchen – und finden doch nicht.
Tatsächlich ist die größte Verlorenheit das Getrenntsein von Gott. Weil es uns aus der Beziehung gerissen hat, die uns das Leben ermöglicht. Wir haben schon verloren. Und aus diesem Verlorenhaben ist ein Verlorensein geworden. Spirale abwärts.
„Wer suchet, der findet? So sicherlich nicht.“

Wer sucht, der wird gefunden
„Freut euch mit mir, ich habe mein verlorenes Schaf wiedergefunden!“ Gottes Sehnsucht nach uns Menschen ist nicht verloren gegangen im Lebensspiel.
Gott sucht! Wie er uns findet? Das ist das große Geheimnis unserer Welt. Gott findet uns, weil er Gott ist. Er erkennt uns, damit wir ihn erkennen. Er ergreift uns, damit wir ihn ergreifen. „Wer suchet, der findet?“
Die Wahrheit ist doch: Gott hat sich auf die Suche gemacht. Rettung geschieht, weil der Hirte aufbricht. Das Schaf im Gleichnis tut nichts, außer sich immer mehr zu verirren. Rettung geschieht, weil der Hirte sucht: Denn das Schaf soll wieder dort sein, wo es hingehört.
„Mensch, wo bist du?“
„Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ In unserem eigenen Leben kann viel verloren gehen. Vielleicht sogar wir selbst. Unsere Lebenspläne gehen in die Brüche. Unsere Beziehungen scheitern. Versöhnung mit Eltern misslingt. Kompetenzen kommen nicht zur Entfaltung. Sehnsüchte stranden. Das Leben bleibt Stückwerk.
Aber dennoch ist dieses mein Leben, so verloren es auch scheint, getragen von der bedingungslosen Liebe Gottes, der nicht aufgegeben hat, mich zu suchen: „Mensch, wo bist Du?“
Wer eine Ahnung bekommt von dieser Liebe Gottes, der wird von ihr verwandelt. Wer die Sehnsucht wahrnimmt, die Gott nach seinem Geschöpf hat, sieht sich selbst in einem neuen Licht.
Manchmal besteht das Gefundenwerden darin, dass man das Verlorene loslässt, frei gibt, in Gottes Hand legt. Der wurde ja selbst in die Rolle des Verlorenen gedrängt. Er wurde gekreuzigt, aber seine Liebe war stärker als der Tod. Den am Kreuz Verlorenen hat Gott erwählt. „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“
Vielleicht ist unsere ganze Aufgabe in diesem Leben, dieser Liebe Gottes Raum zu geben. Dann erst erkennen wir was unser Menschsein ausmacht. „Wer suchet, der findet?“ Alles Quatsch. Wen Gott sucht, der wird auch gefunden. Darauf dürfen wir uns verlassen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.