A- A A+
Drucken

Predigt vom 15.07.18

Predigt zu 2. Mose 16,11-3.14-21
am 15.7.18 in Wilhelmsfeld


Gott sorgt für sein Volk


1 Von Elim zogen die Israeliten weiter in die Wüste Sin, die zwischen Elim und dem Berg Sinai liegt. Sie kamen dorthin am 15.Tag im 2.Monat nach dem Aufbruch aus Ägypten.
2 Hier in der Wüste rottete sich die ganze Gemeinde Israel gegen Mose und Aaron zusammen. Sie murrten:
3 »Hätte der Herr uns doch getötet, als wir noch in Ägypten waren! Dort saßen wir vor vollen Fleischtöpfen und konnten uns an Brot satt essen. Aber ihr habt uns herausgeführt und in diese Wüste gebracht, damit die ganze Gemeinde verhungert!«
11 Der Herr sagte zu Mose:
12 »Ich habe das Murren der Israeliten gehört und lasse ihnen sagen: ›Gegen Abend werdet ihr Fleisch zu essen bekommen und am Morgen so viel Brot, dass ihr satt werdet. Daran sollt ihr erkennen, dass ich der Herr, euer Gott, bin.‹«
13 Am Abend kamen Wachteln und ließen sich überall im Lager nieder, und am Morgen lag rings um das Lager Tau.
14 Als der Tau verdunstet war, blieben auf dem Wüstenboden feine Körner zurück, die aussahen wie Reif.
15 Als die Leute von Israel es sahen, sagten sie zueinander: »Man hu? Was ist denn das?« Denn sie wussten nichts damit anzufangen. Mose aber erklärte ihnen: »Dies ist das Brot, mit dem der Herr euch am Leben erhalten wird.
16 Und er befiehlt euch: ›Sammelt davon, so viel ihr braucht, pro Person einen Krug voll.2 Jeder soll so viel sammeln, dass es für seine Familie ausreicht.‹«
17 Die Leute gingen und sammelten, die einen mehr, die andern weniger.
18 Als sie es aber abmaßen, hatten die, die viel gesammelt hatten, nicht zu viel, und die, die wenig gesammelt hatten, nicht zu wenig. Jeder hatte gerade so viel gesammelt, wie er brauchte.
19 Mose sagte zu ihnen: »Niemand soll etwas davon bis zum anderen Morgen aufheben!«
20 Einige hörten nicht auf ihn und legten etwas für den anderen Tag zurück, aber am Morgen war es voller Maden und stank. Da wurde Mose zornig, weil sie nicht auf ihn gehört hatten.
21 Morgen für Morgen sammelte nun jeder, so viel er brauchte. Sobald die Sonne höher stieg, zerschmolz der Rest, der nicht aufgesammelt worden war.

Liebe Gemeinde,
die Flüchtlinge unserer Zeit stehen mir vor Augen, wenn ich über diesen so alten Text nachdenke: all jene, die in den Wüsten und Meeren unterwegs sind. Es sind Millionen, in kleinen Gruppen, einzeln oder als ganze Dorf- oder Familienverbände fliehen.
Die Gründe für ihre Flucht sind selten naturbedingt. Die meisten fliehen vor Krieg, Unterdrückung, Völkermord und Sklaverei.
Die Zukunft dieser Flüchtlinge ist vollkommen ungewiss. Viele sterben auf dem Weg durch die Wüsten.
Auch die Menschen, die in untauglichen Booten die Ozeane überqueren, blicken dem Tod ins Auge.

So viel hat sich nicht geändert, seit das Volk Israel aus der Sklaverei entfloh und sich nun in der lebensfeindlichsten aller Landschaften befand – in der Wüste.
Sie träumten vom Land, in dem Milch und Honig fließen, so wie die heutigen Flüchtlinge von einer Zukunft in Europa träumen. Die Vision vom Leben in Frieden und Freiheit hat die Kraft zur Flucht gegeben.
Doch nun birgt die Wüste den Tod. Die Flüchtlinge erkennen, dass es keine Alternative gibt. Sie können nur noch verhungern, zuerst ihre Kinder und die Alten. So findet Gott sie vor. Er ist bei ihnen in der Wüste, bei den Hungernden, bei denen, die keinen Weg und Ausweg mehr sehen.

Die Auszugsgeschichte aus Ägypten birgt für das Volk Israel die zentrale Erfahrung mit Gott. Ihr Bestandteil sind die 10 Gebote. Gott befreit, Gott begleitet sein Volk in der Wüste, Gott gibt neue Lebensperspektive in Selbstbestimmung.
Doch zunächst ist sich das Volk Israel nicht sicher. Gott hat sie befreit, aber im Angesicht des Hungertodes fühlen sie sich betrogen.
Dreimal murrt das Volk. Es beginnt damit sofort nach der Siegesfeier, als sie ihre Verfolger abgeschüttelt hatten. Sie hatten Durst und das Wasser war bitter. Mit einem Holz verwandelt Mose das ungenießbare Wasser in Trinkwasser. Dann kommt unser Predigttext. Beim dritten Murren wird es wieder um Wasser gehen. Moses wird es mit einem Stock aus dem Wasser schlagen.

In unserem Text gab es keine Nahrung mehr. Alle Vorräte sind aufgebraucht. Im Angesicht des Todes phantasieren die Menschen von den Fleischtöpfen Ägyptens.
Ich habe in einem Bericht über den Holocaust gelesen, dass Frauen im Krankenlager von Ravensbrück sich gegenseitig täglich die leckersten Rezepte und Gerichte beschrieben haben. Sie hatten das Gefühl, dabei die Köstlichkeit von Zucker und Fett zu schmecken.
Dem Volk Israel ging es genauso. Sie stellten sich Schalen mit brutzelndem Fleisch vor.
Es ist eine Überlebensstrategie, mit der sie dem Tod wenigstens mit der Vorstellung von leckeren Gerüchen und schmackhaftem Essen entgegensehen konnten.

„Es wäre besser gewesen, in Ägypten zu sterben, als jetzt nach gelungener Flucht“, werfen die Israeliten Moses, Miriam und Aaron vor. Zum Tod gab es hier wie dort keine Alternative. Es scheint so, als sei der Triumph der gelungenen Flucht vergessen. Gerade noch hatte Miriam die Pauke genommen und mit allen Frauen gesungen: „Ross und Mann hat Gott ins Meer gestürzt.“
Sie hätten doch auch sagen können: Na, wenigstens sind wir den Ägyptern entkommen.
Sie sagen das aber nicht, weil sie daran zweifeln, ob Gott wirklich der Anstifter ihrer Befreiung ist. Sie zweifeln zwar nicht direkt an Gott, aber an seiner Befreiungsabsicht. Gott hätte sie in Ägypten töten sollen. Gott wurde ihnen falsch beschrieben, denken sie jetzt, und haben kein Zutrauen mehr in die befreiende Kraft ihrer Gottheit.

Sie murren und dieses Murren ist Protest und Auflehnung gegen die Not. Das ganze Volk lehnt sich auf und richtet seinen Zorn gegen Moses, Aaron und Miriam.

In Ägypten durften sie nicht gegen die Aufseher murren.
Hier zeigt sich schon unumkehrbar gelernte Befreiungspraxis. Tatsächlich ist es bis heute der Protest gegen Ungerechtigkeit und Not der erste Schritt zu mehr Freiheit und Recht. Auch wenn nicht sofort Lösungswege aufgezeigt werden können, ist doch die Tatsache wichtig, dass Menschen sich nicht abfinden wollen. Es ist ein demokratisches Recht, sich zu beschweren und zu demonstrieren. Hier ist nicht das allgemeine Gejammer gemeint, sondern das Benennen der tatsächlichen Not.
Ich mag den Protest des Volkes Israel, weil er auf neues Selbstbewusstsein schließen lässt. Dies war die Voraussetzung, weiterzugehen und in der Wüste zu überleben.
Und Gott hörte ihr Murren und zeigt sich als Gott, der auf der Seite des befreiten Volkes ist.
Das Volk Israel war wie ein befreiter Käfigvogel, der keine Chance hat, in einer fremden Umgebung zu überleben. Gefängnisse machen wirklich unfrei. Angelegte Ketten bleiben gefühlte Ketten, auch wenn sie längst geöffnet sind. Ein Flüchtling aus Afghanistan, der viele Jahre in Fußfesseln lag, kann bis heute nicht gut in Schuhen gehen.
Unser Text ist ein kleiner Abschnitt aus dem jüdischen Wochenabschnitt Buch Exodus 13-17, in dem das Volk Israel nach gelungener Flucht in der Wüste das Überleben lernt.

Mose kannte sich in der Wüster aus. Er war, nachdem er einen ägyptischen Aufseher erschlagen hatte, in die Wüste Midian geflohen. Dort hatte er ein neues Leben angefangen. Er hat Zippoprah, die Tochter von Jitro, dem Propheten, geheiratet und zwei Söhne bei seiner Familie in der Wüste gelassen. Gott war ihm dort begegnet und hatte ihm den Auftrag zur Befreiung des Volkes Israel gegeben. Moses war in der Wüste zu Hause und trug nun Verantwortung, vielen Menschen ein völlig neues Leben in einer unwirtlichen Umgebung zu zeigen. Er zeigte ihnen die Wasserstellen und die Geheimnisse des Überlebens in der Wüste. Er hat das Volk heimgeholt zu Gott, der jetzt in der Wüste bei seinem Volk war. Im Kapitel 18 trifft das Volk Israel auf Jitro. Zipporah und ihre Kinder ziehen dann mit Israel.
Gott war und ist in der Wüste. Dies wissen auch andere biblische Erzähler. In der Geschichte von Elia aus dem 1. Buch der Könige im 19. Kapitel lesen wird, wie der Prophet nach einer Tagesreise in die #wüste unter einem Wacholder streben möchte.
Auch Jesus geht in die Wüste, in der sich für ihn die Gottesfrage stellt. Bis heute gehen Menschen freiwillig in die Wüste, um Erfahrungen mit sich und ihrem Gott zu machen.
Der Wüstentourismus boomt. Aus den europäischen Steinwüsten heraus, aus dem Überfluss, wie ihn vielleicht die Ägypter hatten, suchen Menschen die reale Wüste auf. Sie suchen Lebenssinn, Klarheit, Erkenntnis über sich selbst und auch die Grenzerfahrung.
Auch wenn uns das angesichts des Elends der vielen Flüchtlinge in der Wüste merkwürdig scheint, ist die Motivation nachvollziehbar.
Viele Menschen begreifen erst hier, was Nahrung und Wasser ist. Sie erfahren bei aller Leere um sie die eigentliche Tiefe des Seins. Wenn sie zurückkommen, sehen sie die Welt mit anderen Augen. Sie haben Gott erfahren, die Weite seiner Schöpfung und ihre menschlichen Grenzen. Gott ist in der Wüste das direkte Gegenüber, auch wenn viele Touristen es so nicht nennen würden.

In einer fremden Umgebung ist das Überleben schwer. Wir sind in der Wüste verloren wie das Volk Israel. Viele Flüchtlinge sind auch in unseren europäischen Staaten unfähig zu leben, die Lieblosigkeit zu ertragen, sich im Dschungel der Gesetze zurechtzufinden. Ohne Helferinnen und Helfer geht es nicht. Eine irakische Flüchtlingsfamilie, die gewohnt ist, mit den Händen zu essen, sitzt, nachdem eine Kirchengemeinde sie aus dem Transitbereich befreit hat, in einem italienischen Restaurant vor Tellern voller Spaghetti. „Was ist das?“ „Man hu“ – Manna. So erstaunt betrachten die Flüchtlinge in der Wüste das Manna, die gehärteten Tropfen der Tamariske. „Was ist das?“ Überleben in einer fremden Welt, etwas finden, wo nichts ist – da brauchen sie Moses, der ihnen Gottes Schöpfung und seine Wunder zeigt. Daran lernen sie, dass Gott bei ihnen ist auf dem Weg der Befreiung.

Gott ist gut zu den Flüchtlingen in der Wüste. Er schickt ihnen Wachteln. Fleisch war die unerreichbare Vision in der Hungersnot. Gott erweist sich als Mutter und Vater, die dem Kind einen übergroßen Wunsch erfüllen. Außerdem schenkt er ihnen täglich Manna, das nachhaltig das Überleben sichert. Täglich sollen sie es sammeln und nur so viel, wie sie brauchen. Nach der Hungerphase lag es nahe, sich etwas zurückzulegen für kommende Tage.
Es ist kein biblisches Gesetz, keine Vorräte zu haben. Wir denken an Josef, der den Traum des Pharao deutet und große Vorratslager anlegt. Hier geht es um das Lernen in der Wüste und das Vertrauen auf Gott, der immer wieder weiterhilft. Einen Vorrat von Manna wäre dumm gewesen, weil es in der Hitze flüssig wird und verdirbt. Über das Trocknen des Fleisches der Wachteln lesen wir nichts. Hier gibt es kein Verbot, das Fleisch zu trocknen und zu salzen, damit es mitgenommen werden kann. Das Volk lernt die Wüste kennen und ihre Geheimnisse zu akzeptieren. Es lernt, Teil der Wüste zu werden und ist auf diese Weise auf dem Weg der Befreiung aus der Sklaverei in ein Land, in dem Milch und Honig fließen, d.h. in dem es Frieden gibt und Freiheit, Selbstbestimmung und keine Durst-oder Hungersnot.

Das tägliche Unglück, mit dem sie den Preis für ihr Entkommen zahlen mussten, konnte gemeistert werden, wenn sie sich zwischen den Träumen von den Fleischtöpfen Ägyptens der Vergangenheit und denen von Milch und Honig im gelobten Land der Zukunft von der täglichen Speise ernährten. Heute ist Heute. Und jedes einigermaßen gut überstandene Heute ist ein wichtiger Schritt zum Ziel.

Die Menschen, die diese Geschichte von ihrem Aufbruch, ihrem beschwerlichen Weg und ihrer Rettung erzählten, erzählen sie anderen, erzählen sie uns, zur Ermutigung. Als Ermutigung zum Aufbruch, auch wenn das Risiko groß ist und der Preis hoch erscheint.

Und tatsächlich: Immer wieder befreien sich Menschen aus gesellschaftlichen und persönlichen Unterdrückungen.
Aber Befreiung kann gefährlich werden:
Wenn eine Frau ihre Kinder nimmt und den schlagenden Mann verlässt, hat sie Angst. Ihrem Verfolger wünsche ich, dass das Meer über ihm zusammenschlägt und er sie in Ruhe lässt. Diese Frau hat viel zurückgelassen, bevor sie mit ihren Kindern in Frieden leben kann.

Auch der Wohlstand kann zum Gefängnis werden. Und wer ein materiell reiches Leben ändert, Abhängigkeiten im Beruf und im Alltag hinter sich lässt, hat neue Wüsten vor sich.

Ein Aufbruch ist auch, anderen in Wüstennot zu helfen. Wie das Volk Israel Moses brauchte, so brauchen flüchtende, kranke, in ihren Lebensmöglichkeiten stark eingeschränkte oder unterm Burnout-Syndrom leidende Menschen andere Menschen, die sie begleiten. Das tun viele in Beratungsstellen, Diakoniestationen, in Initiativen für Gerechtigkeit und Frieden. Auch sie können dabei untergehen, weil viele Widerstände am Wegesrand sind.

Überall finden wir Menschen, die sich aus Unterdrückung und Abhängigkeit befreien. Ob Gott das Schreien der Flüchtlinge hört und die Not der geschlagenen Mutter? Hilft Gott in den Wüsten dieser Erde? Der Zweifel des Volkes Israel in der Wüste ist geblieben und Teil der Tradition unseres Glaubens.
Der heutige Predigttext erinnert uns aber vor allem an den Gott, der sein Volk befreit hat und bei ihm geblieben. Der jüdische Gott hat aus der Knechtschaft geführt. Durch alle Jahrhunderte voller Bedrückung und Verfolgung hat er sein Volk nicht verlassen. Er wird es weiter tun.


Liebe Gemeinde! Unser biblischer Reisebericht bietet zwar keine Patentrezepte für Durststrecken und Wüstenerfahrungen, aber er zeigt, dass Gott uns die Fülle des Lebens schenkt, indem er uns von Mal zu Mal seine Übergangslösungen entdecken lässt. Wir haben keine Patentrezepte, wir leben mit Übergangslösungen, Tag für Tag. So kommen wir hoffentlich auf der Reise unseres Lebens, wo immer sie hingeht, aus dem Staunen nicht mehr heraus. So können wir – wie die Israeliten – die Wunder Gottes entdecken und getrost unsere Gegenwart gestalten und genießen, immer mit der offenen Frage auf den Lippen: Man hu? Was ist das?

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.