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Predigt vom 23.09.18 / Einführungsgottesdienst von Pfarrerin Dr. Silke Dangel

Geh‘ aus Deinem Vaterland - geh‘ in ein Land, das ich dir zeigen will.

Ich will Dich segnen und du sollst ein Segen sein!

Liebe Schwestern und Brüder von nah und von ferne! Erinnert ihr euch? Abraham und sein Volk? „Geht. Geht in das Land, das ich euch zeigen werde.“

Sie sind losgegangen. Und da sind sie nun. Unterwegs. Weil sie irgendwann einmal aufgebrochen sind. Manche wandern entschlossen mit festem Blick in die Ferne. Manche bleiben immer wieder zögernd stehen und schauen zurück. Manche gehen mit müden Schritten und schmerzenden Gliedern. Manchen steht die ängstliche Ungläubigkeit noch ins Gesicht geschrieben, tatsächlich auf dem Weg zu sein. Manche tänzeln voller Vorfreude allen voraus. Manche müssen getragen werden. Manche strahlen zuversichtliche Gelassenheit aus.
Warum? Weil sie irgendwann einmal aufgebrochen sind, als sie Gottes Stimme hörten: Geh‘ aus Deinem Vaterland - geh‘ in ein Land, das ich dir zeigen will.
Aufbrechen, weil Gott sie dazu ermutigt hat.
Aufbrechen. So wie wir heute. In eine Zukunft, die wir nicht kennen.
Wie gut, dass sich in jedem Aufbruch Gottes Segen erweist. Eine ganz alte Erfahrung der Menschheit: Geh‘ aus Deinem Vaterland - geh‘ in ein Land, das ich dir zeigen will. Ich will Dich segnen und du sollst ein Segen sein! (Gen. 12,1-4a) / So hörte es einst Abraham – und seither viele Menschen nach ihm. Er vertraute Gott. Und ging los.

Im Leben müssen wir immer wieder aufbrechen. 
Eigentlich bedeutet Leben immer: im Aufbruch sein. Der erste Aufbruch ins Leben beginnt mit dem empörten Schrei eines Neugeborenen. Und fortan geht es immer wieder darum, Schwellen zu meistern. Den ersten Schritt aus der vertrauten Geborgenheit zu setzen. Später, wenn ich mich für einen Beruf entscheide, wenn ich mich an einen anderen Menschen binde, wenn Kinder durchs Leben begleitet werden, wenn ein Umzug zu stemmen ist.
Oft werden wir nicht gefragt, ob wir aufbrechen wollen oder nicht. Aber wir ahnen: Wer nicht aufbricht, kann sein Leben nicht entdecken. Das Leben ist Aufbruch. Wie gut, wenn man dann Vertrauen hat in die Zusage: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.
Auch hier in Wilhelmsfeld brechen wir neu auf: einige Schritte sind wir ja schon zusammen gegangen, aber man kann sagen: ab heute geht es richtig los.
Für diesen Anfang habe ich ein Bild von einer Skulptur mitgebracht. Sie finden es auf der Postkarte. Die Skulptur steht im Ratzeburger Dom und der Holzbildhauer Walter Green hat ihr einen verheißungsvollen Namen gegeben: AUFBRUCH.
Mir sagt sie in ihrer einfachen, klaren Art so viel vom Losgehen und vom Segen.
Wenn wir sie etwas genauer ansehen, dann entdecken wir zwei Figuren: Vielleicht eine Abschiedsszene? Zwei Menschen, einer mit gepacktem Rucksack auf dem Rücken, verabschieden sich: ein guter Freund, der wegzieht, das eigene Kind auf dem Weg ins Leben? Ein Aufbruch, der trotz aller Vorfreude etwas traurig stimmt „Und bis wir uns wiedersehen halte Gott dich fest in seiner Hand!“
Vielleicht – so ahne ich - ist das Aufbrechen ein Teil der Geschichte Gottes mit uns. In der Bibel gibt es unzählige Geschichten davon. Im Hebräerbrief finden wir sogar eine Art „Theologie des Aufbruchs“. Dort heißt es: „Glaube ist eine Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nicht-Zweifeln an dem, was man nicht sieht“ (Hebr. 11,1). Sie finden diesen Satz auf der Rückseite der Karte. „Glaube ist eine Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nicht-Zweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Ja, der Glaube. Immer wieder geht es in unserem Leben um den Glauben, im Wechselspiel zwischen Zweifel und Hoffnung. Es geht um Zuversicht und Gewissheit, dass alles, was wir durchleben letztlich einen Sinn hat, auch wenn es uns gerade sinnlos erscheint. Zuversicht, auf das was man hofft, und ein Nicht-Zweifeln an dem, was man nicht sieht!
Ihr Lieben, wenn das nur so einfach wäre. Immer wieder führt das Leben uns an Schwellen, an denen wir innehalten müssen, an denen es auszuhalten gilt, was gerade geschieht. Weil unsere Pläne durchkreuzt wurden, weil wir uns „das Leben“ irgendwie anders vorgestellt haben.
Eine Erfahrung, so alt wie die Menschheit. Deshalb ist die Bibel ja auch voll von Geschichten von Menschen, die zweifeln, die verzweifeln, die hoffen und die: ja! Gott vertrauen.
Vertrauen in Gottes Zusage? Glauben, dass das Leben seit Christi Geburt ein anderes geworden ist. Weil es uns Menschen seit jenem Tag nicht mehr ohne Gott gibt. In keinem Augenblick unseres Lebens müssen wir sagen, dass wir gottverlassen sind. Seit er seinen Sohn in diese Welt geschickt hat, passt kein Blatt mehr zwischen uns und ihn. Weil Geschichte Gottes mit uns Menschen ihren Höhepunkt erreicht hat. „Glaube ist eine Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nicht-Zweifeln an dem, was man nicht sieht.“
Ist das nicht ein starker Satz?
Voll Vertrauen aufbrechen. Ins Neue stürzen. Denn gerade im Neuanfang, im Aufbruch erweist sich der Glaube als eine gute Kraft, die uns zuversichtlich macht, auf das, was wir hoffen. In den Umbrüchen und Aufbrüchen, durch die wir im Leben gehen, ist Gott dabei.
Ein Gedanke, der uns aber auch einiges zumutet: Zuversicht, auf das was man hofft, und ein Nicht-Zweifeln an dem, was man nicht sieht!
Aufbruch ist ja eigentlich verbunden mit einem Ziel. Nämlich mit der Hoffnung, irgendwo anzukommen. Doch darüber erzählen die biblischen Geschichten wenig. Fast so, als wäre die Vorstellung, anzukommen, eine bloße Illusion, eine Wunschvorstellung. Das gelobte Land – unerreichbar!
Das ist der Grund, warum so viele sich von Gott abwenden. Weil sie meinen, auch der christliche Glaube sei eine Illusion.
Aber eigentlich ist es doch so: es ist entlastend, dass die biblischen Geschichten kein happy end berichten. Ihre Weisheit ist viel weitsichtiger: die bleibende Wanderschaft, sie gehört zum Leben dazu. Der Weg ist das Ziel, lautet ein Sprichwort. Und tiefgehender: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ sagt Christus von sich. Es gibt kein einfaches Ruhen nach der Schwelle, kein Gefühl, „angekommen zu sein“. Im Leben, am neuen Wohnort, im neuen Lebensalter, ja selbst im Glauben folgen immer neu Aufbrüche und Herausforderungen. So ist unser Leben. So sind die Geschichten, die das Leben schreibt.
Das bringt mich in meinen Gedanken wieder zur Skulptur von Walter Green. Vielleicht ist darin weniger Bewegung, als vermutet. Jetzt sehe ich eine Umarmung. Zwei, die sich eng aneinanderschmiegen: einer legt den Kopf auf die Schulter des anderen. Ein Mensch, der sich gerade im Aufbruch befindet und ein anderer, der sich dazu gesellt. Wie ein Hüter, wie ein Begleiter. Dann erinnert die Form der linken Skulptur vielleicht an Flügel. Die eines Engels? Oder große Flügel, wie die des Adlers, unter dessen Fittichen wir Zuversicht finden. Im Querschnitt betrachtet erahne ich auch einen Teil des Kreuzes, durch das wir, jeder und jede von uns, Gott ins Herz geschrieben wurden. Das Kreuz, in dem auch alle Brüche ihren Ort haben. Die brüchige Struktur des Holzes zeigt das wunderbar. Brüche im Leben, die zu uns gehören.
Im Grund ist jeder Aufbruch ein Bruch im Leben. Das, was war, ist nicht mehr. Vertrautes geht uns verloren und wir sind verunsichert. Die Zukunft liegt noch vor uns, vollkommen ungewiss. Ein Aufbruch ist ein Moment auf der Grenze. Es gibt kein Zurück mehr und der Schritt in die Zukunft erfordert Mut. Abraham hatte den. Weil er Vertrauen hatte in etwas, das er noch nicht sehen konnte. Vertrauen in Gott.
Gut, wenn man im Aufbruch Vertrauen hat. Gott als das Bindeglied zwischen dem Vertrauten und dem unbekannten Neuen. Gott, der mit unserer Gemeinde an der Schwelle steht zwischen Vergangenheit und Zukunft: Geh‘ in ein Land, das ich dir zeigen will. Ich will Dich segnen und du sollst ein Segen sein! Gott verspricht nicht, dass alles so bleibt, wie es ist. Er ruft uns heute und hier zum Aufbruch und zur Veränderung.
Aber: und das ist die Weisheit der biblischen Geschichten: Der Aufbruch kann nur gelingen, wenn darin nicht alles wegbricht. Veränderungen kann man nur angehen und überstehen, wenn auch etwas bleibt, das uns Sicherheit gibt. 
Der Aufbruch gehört zu unserem Leben, auch zu unserem Leben als Gemeinde. Es gibt kein Leben, das immer bleibt, wie es ist. Darin liegt Trost für die, die aufbrechen wollen, und Freude für die, die etwas ändern wollen. Darin liegt aber auch Angst für die, die jetzt glücklich und zufrieden sind.  
Manchmal sagen Menschen, ich bin aufgebrochen und habe alles hinter mir gelassen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Vielleicht haben sie vieles hinter sich gelassen, aber sie haben auch immer etwas mitgenommen, sonst wäre ihr Aufbruch zum Zusammenbruch geworden. So wird es auch in Gemeinde sein. Jeder Aufbruch im Leben ist nur dann erträglich, wenn etwas bleibt – das Vertrauen darauf, dass Gott mitgeht. „Glaube ist eine Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nicht-Zweifeln an dem, was man nicht sieht.“
Im Aufbruch ist Gott erfahrbar, auch hier in Wilhelmsfeld. Gott geht jeden Aufbruch mit uns. 
Im Aufbruch liegt der Segen für den Neuanfang. Das gibt Kraft: Aber darin liegt auch eine Mahnung, beweglich zu bleiben. In unserem Leben, in unserem Handeln und Denken, in unserer Gemeinde und Kirche.
Ihr Lieben, wisst ihr, was Abraham gemacht hat, wenn er oder seine Weggefährten unsicher wurden oder der Zweifel an dem Vorhaben sich regte? Er hat gebetet. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Er hat gebetet. Und das Gespräch mit Gott hat in ihm den Glauben gestärkt, hat ihm zuversichtlich gemacht und ihm Hoffnung gegeben.“ Vielleicht ist das das Geheimnis der Alten. Das sie im Aufbruch für das Gelingen ihrer Wanderung gebetet haben. Es ist gut, wenn wir das auch tun. Nicht nur heute, sondern vielleicht immer wieder. Wenn wir diese Postkarte zur Hand nehmen, wenn wir die Glocken läuten hören, oder auch einfach nur so. Beten stärkt den Glauben. Und der macht uns fest auf das, was wir hoffen und lässt uns nicht zweifeln an dem, was wir nicht sehen. Wie gut!
Aufbrüche können schön und schrecklich sein und oft beides zugleich. Leben bleibt immer Aufbruch, das ist sicher. So sicher wie der Segen, den Gott uns mitgibt.
Damit aus jedem neuen Aufbruch neues Leben wächst, vertrauen wir als Kirchengemeinde darauf, dass Gott auch unseren gemeinsamen Aufbruch begleitet. Heute und morgen auch!
Amen.