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Predigt zu Silvester

PREDIGT über Ex 13, 20-22

Gott mit uns – am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem Tag in 2019

Liebe Gemeinde,
wir sind zusammen im Dunkeln.
Morgen ist es ein Jahr her, in das wir mit der Jahreslosung aus Offenbarung 21 aufgebrochen sind: Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Das stand am Anfang, als das Jahr 2018 vor unseren Augen noch im Dunkeln lag.
Morgen vor einem Jahr ahnten wir noch nicht, wie viel Trost in 2018 nötig sein würde. Und wie viele noch untröstlich sein würden, wenn wieder ein neues Jahr beginnt: weil ein naher Mensch starb, weil eine Krankheit alle Lebenskraft beanspruchte, weil die Kriege und Anschläge in ihrer rasenden Gier verschlangen, was zuvor in Jahren, Jahrhunderten, Jahrtausenden gebaut und gewachsen war – Kultur und ein Dach über dem Kopf, Zusammenleben der Verschiedenen, Neugier und Respekt vor dem Fremden, Hoffnung auf Neues, Vertrauen zum Nächsten.
Morgen ist der Anfang ein Jahr her.
Aber morgen fangen wir wieder an.
Morgen fangen wir wieder an, von vorn neue Tage und Nächte zu zählen.
Morgen fangen wir dort an, wo wir heute aufhören: mit Gebet und Gesang, mit einem Gottesdienst.
Wir sind zusammen im Dunkeln und haben doch Licht. Es ist verheißen:
Gottes Wort ist wie unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Weg. (Ps 119,105)
Das ist nicht besonders hell. Keiner ist heute Abend geblendet worden auf dem Weg an seinen Platz in unserer Kirche. Und jetzt wird es noch augenfälliger, weil alle anderen Lichter erloschen sind.
Dennoch: Wir sind zusammen im Dunkeln.
Wir sind am Ende eines Jahres, in dem Menschen die Finsternis ausgebreitet haben.
Soll man überhaupt Rückblick halten auf dieses Jahr? Haben wir nicht einen erhellenden Ausblick viel nötiger?

Den Blick in die Gegenwart und vor allem auf die Gegenwart Gottes lenken.
Die Lesung vom heutigen Tag aus dem Buch Exodus führt uns zu einem dramatischen heilsgeschichtlichen Ereignis, nämlich zum Auszug Israels aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus. Denn viele Jahre wurden die Israeliten in Ägypten ausgenutzt und unterdrückt. Das Exodusbuch berichtet über ihre schweren Arbeiten, mit denen der Pharao die Zunahme der Israeliten verhindern will.
„Da zwangen die Ägypter die Söhne Israel mit Gewalt zur Arbeit
und machten ihnen das Leben bitter durch harte Arbeit an Lehm und an Ziegeln, und durch allerlei Arbeit auf dem Feld,
mit all ihrer Arbeit,
zu der sie sie mit Gewalt zwangen.“ (Ex 1,13-14)
Trotz der Schwere der Arbeit gelingt es dem Pharao nicht, durch diese Maßnahme die Zahl der Israeliten zu senken. Umgekehrt, im Kontrast zum Tod des Pharaos erleben die Israeliten durch ihren Gott die Wende ihrer aussichtslosen Situation. Während ägyptische Könige vergehen, kommt Gott immer stärker hervor:
„Und es geschah während jener vielen Tage, da starb der König von Ägypten. Und die Söhne Israel seufzten wegen ihrer Arbeit und schrien um Hilfe.
Und ihr Geschrei wegen der Arbeit stieg auf zu Gott. Da hörte Gott ihr Ächzen, und Gott dachte an seinen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah nach den Söhnen Israel, und Gott kümmerte sich um sie.“ (Ex 2,23-25)
Nun befinden sich die Israeliten am Übergang, mitten bei ihrem Auszug aus Ägypten. Wie begegnen sie ihrer neuen Situation? Mit welchen Herausforderungen sind sie auf ihrem Weg konfrontiert? Weder der Rückblick auf die bitteren und gewaltsamen Arbeiten noch die Zukunftswünsche und Visionen stehen im Vordergrund. Sie sind völlig mit dem Hier und Jetzt – mit der Gegenwart ihres Übergangs beschäftigt.  Gott selber begleitet sie auf diesem Weg und geht ihnen voraus. Ihre ganze Aufmerksamkeit soll ihrem Gott gelten. Ihn sollen sie vor den Augen haben. Bei Tag zieht er in einer Wolkensäule vor ihnen her, bei Nacht in einer Feuersäule, die ihnen leuchtet. So können sie Tag und Nacht unterwegs sein. Unabhängig von der Tageszeit und den Umständen können sie sicher sein, dass Gott sie führt und begleitet und dass er stets bei ihnen gegenwärtig ist. Sie sollen hier und jetzt in seiner Gegenwart leben und auf diese Weise ihren Weg gehen.

Den Blick von der Wolken- und Feuersäule zum Gesicht Gottes in Jesus Christus lenken
Der Auszug Israels aus Ägypten zeigt uns, wie wichtig es ist, sich im Leben und vor allem in den Übergangssituationen auf die Gegenwart Gottes zu konzentrieren. Durch die Gegenwart Gottes erfahren die Israeliten sowohl die Weggemeinschaft, den Schutz und die Begleitung als auch die Orientierung auf ihrem Weg. Die Wolken- und Feuersäule geht ihnen voraus und führt sie auf ihrem Weg, den Gott für sie vorgesehen hat.
Dieser ständigen Gegenwart Gottes können auch wir, die Christinnen und Christen von heute, uns gewiss sein. Noch mehr, durch Jesus Christus hat die Gegenwart Gottes, die Wolken- und die Feuersäule, ein menschliches Gesicht bekommen. Jesus Christus ist das Bild / die Ikone Gottes. Im Gesicht des Kindes von Bethlehem offenbart Gott sein Wesen. Das Kind, das am deutlichsten zeigt, dass es auf andere Menschen angewiesen ist, und sich nach den menschlichen Beziehungen sehnt, wählt Gott für seine Offenbarung. Der allmächtige und immerwährende Gott offenbart sich weder im Gesicht eines starken Herrschers dieser Welt noch in einem starken Karrieremann, der alle Leistungen vollbringt. Umgekehrt, der Allmächtige und seine Liebe begegnen uns im Gesicht eines Kindes wie auch im Gesicht eines Gekreuzigten – in den Gesichtern der Schwachen, Gewaltlosen und Leidenden dieser Welt. Keine Phase des menschlichen Lebens, sogar kein Untergrund der menschlichen Existenz bleibt ihm verborgen. Jesus Christus ist die Wolken- und die Feuersäule Gottes, die uns in Mitmenschen begegnet und uns vorausgeht. Er ist die immerwährende Gegenwart Gottes in unserem Leben. Er ist Emmanuel – Gott mit uns.
Unser Blick am Übergang zum Neuen Jahr auf die Gegenwart Gottes in Jesus Christus lenken
Liebe Glaubende! Auch wir befinden uns heute an einem Übergang. Auch wir bilden eine Weggemeinschaft, die gemeinsam ins Jahr 2019 schreitet. Das neue Jahr liegt noch dunkel vor uns. Wir wissen noch nicht, was es uns bringen wird. Das Wort Gottes lädt uns jedoch ein, unseren Blick weder zu lange auf die Vergangenheit noch in die Zukunft, sondern vor allem auf die Gegenwart Gottes hier und jetzt zu lenken. Dabei brauchen wir nicht mehr wie die Israeliten der Wolken- und der Feuersäule zu folgen. Denn unsere Säule ist Jesus Christus, das menschliche Gesicht Gottes unter uns, voll Liebe und voll Erbarmen. Er ist Emmanuel – Gott mit uns.
Im Vertrauen auf Jesus Christus können wir mit sicherem Schritt und getrost in das neue Jahr hineinschreiten und den Refrain von Dietrich Bonhoeffers Lied singen:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarte ich getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss am jeden neuen Tag.“
Amen.