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Predigt vom 09.07.2017

 

Was ist Glück oder Unglück?


Predigt 1. Mose 50, 15-21 am 9.7.17 in Wilhelmsfeld

Liebe Gemeinde,
ein Bauer hatte sehr mageres Land zu beackern, nur einen Sohn, der ihm half, und nur ein Pferd zum Pflügen. Eines Tages lief ihm das Pferd davon. Alle Nachbarn kamen und bedauerten den Bauern wegen seines Unglückes. Der Bauer blieb ruhig und sagte: "Woher wisst ihr, dass es Unglück ist?"

In der nächsten Woche kam das Pferd zurück und brachte zehn Wildpferde mit. Die Nachbarn kamen wieder und gratulierten ihm zu seinem Glück. Wieder blieb der Bauer ruhig und sagte: "Woher wisst ihr, dass es Glück ist?"

Eine Woche später ritt der Sohn auf einem der wilden Pferde und brach sich ein Bein. Nun hatte der Bauer keinen Sohn mehr, der ihm helfen konnte. Die Nachbarn kamen und bedauerten sein Unglück. Wieder blieb er ruhig und sagte: "Woher wisst ihr, dass es Unglück ist?" In der folgenden Woche brach ein Krieg aus, Soldaten kamen ins Tal, um junge Männer mitzunehmen, mit Ausnahme des Bauernsohnes, der ein gebrochenes Bein hatte. – soweit die chinesische Parabel „Was ist Glück oder Unglück?“

Eigentlich könnte man die berühmte Josefsgeschichte, deren Ende unser Predigttext entnommen ist, genau unter diesem Titel zusammenfassen – was ist Glück oder Unglück?

Josef ist der Lieblingssohn des Vaters - ein Glück. Er hat Träume, in denen sich vor ihm Sonne, Mond und 11 Sterne verneigen, also seine ganze Familie – große Zukunftsträume und Visionen – ein Glück, denn wer hat die schon. Doch seine Brüder sind eifersüchtig, die Träume schüren den Neid und sie verkaufen ihn als Sklaven an eine vorbeiziehende Karawane - Unglück. Dem Vater sagen sie, ein wildes Tier hätte Josef gefressen.

Josef wird nach Ägypten verkauft, ins Haus des Potifar. Und weil Gott sein Tun segnete, wurde er bald der Vertrauensdiener seines Herrn – Glück. Dadurch fiel er aber der Hausherrin auf, die gern mit ihm ein Verhältnis eingegangen wäre. Josef weigert sich und wird prompt des versuchten Ehebruchs beschuldigt. Er kommt ins Gefängnis – Unglück. Im Gefängnis trifft er den Mundschenk des Königs und seinen Bäcker. Ihnen kann er mit Gottes Hilfe Träume deuten - Glück – denn der Mundschenk erinnert sich an Josef, als der Pharao Träume hat. Josef deutet sie und wird zum wichtigsten Vertrauensmann des Pharao. Indem er in Ägypten gut wirtschaftet und in den 7 reichen Jahren Vorräte ansammelt für die 7 schlechten Jahre, kann er auch seinen Vater und seine Brüder vor dem Hungertod retten. Bei jedem der Schritte Josefs könnte man fragen – Glück oder Unglück? Das was zuerst als Glück erscheint verwandelt sich bald in Unglück und umgekehrt, so wie in der chinesischen Parabel.

Es sind uralte Erfahrungen und Weisheiten die in solche Geschichten einfließen – Glück, das nicht lange währt, Unglück, das sich wenden kann. Die Besonderheit der Josefgeschichte, die mit ihrem Auf und Ab unserem eigenen Leben und Alltag nahe steht, ist die Treue Gottes. In guten und schlechten Zeiten steht Gott Josef zur Seite und führt zum Schluss alles zu einem guten Ende, so dass jeder merkt: all das war nötig, damit seine Großfamilie überlebt.
„Gott hat mich vor euch her gesandt, damit ihr überlebt“ – sagt Josef seinen Brüdern fünf Kapitel vorher (1.Mose 45,5). Damit wird alles Glück und Unglück in Gottes großen Plan eingebaut, dessen Einzelheiten der Mensch nicht immer versteht, den Gott selbst aber zu einem guten Ende führt.
Gott begegnet in der Joseferzählung als der, der in die Tiefen des Lebens mitgeht und immer wieder am Ende segnend und rettend erfahren wird. Der eben auch auf krummen Wegen gerade schreiben kann. Und von dem der Apostel Paulus viel später sagen kann „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Römer 8,28).
Die Josefgeschichte ist eine die Mut macht und Gottvertrauen schenkt.

Nachdem der große Plan Gottes klar geworden war, sehen Josef und seine Familie alles in einem andern Licht. Alles ergibt plötzlich einen Sinn. Dennoch… Das Verhältnis zwischen den Brüdern musste gesondert aufgearbeitet werden. Denn den von den Eltern verwöhnten Josef als Sklave zu verkaufen, war unverzeihlich. Und das wussten die Brüder.

Der Moment der Aufarbeitung kam, als Vater Jakob starb. Jetzt bekamen Josefs Brüder es mit der Angst zu tun. Würde er sich nun an ihnen rächen?
15 Weil nun ihr Vater tot war, gerieten die Brüder Josefs in Sorge. »Wenn Josef uns nur nichts mehr nachträgt!«, sagten sie zueinander. »Sonst wird er uns jetzt heimzahlen, was wir ihm einst angetan haben.«
16 Sie ließen Josef ausrichten: »Dein Vater hat uns vor seinem Tod die Anweisung gegeben: 
17 'Bittet Josef, dass er euch verzeiht und euch nicht nachträgt, was ihr ihm angetan habt.' Deshalb bitten wir dich: Verzeih uns unser Unrecht! Wir bitten dich bei dem Gott deines Vaters, dem auch wir dienen!«
Als Josef das hörte, musste er weinen.
18 Danach gingen die Brüder selbst zu Josef, warfen sich vor ihm zu Boden und sagten: »Hier sind wir als deine Sklaven!«
19 Aber Josef erwiderte: »Habt keine Angst! Stehe ich denn an Gottes Stelle? 
20 Ihr hattet Böses mit mir vor, aber Gott hat es zum Guten gewendet; denn er wollte auf diese Weise vielen Menschen das Leben retten. Das war sein Plan, und so ist es geschehen. 
21 Habt also keine Angst! Ihr könnt euch auf mich verlassen, ich werde für euch und eure Familien sorgen.«
So beruhigte Josef seine Brüder und gab ihnen wieder Mut.
(Genesis 50,15-21)

Wieder suchen Josefs Brüder einen Ausweg. Die Lösung dieses Mal: sie schicken einen Boten zu Josef der ihn mündlich von einem Testament des Vaters in Kenntnis setzen sollte. Angeblich hatte der Vater als letzten Wunsch geäußert, Josef möge seinen Brüdern verzeihen! Die Brüder verstecken sich hinter der Autorität des Vaters und einem Mittelsmann. Die Bindung an das Wort des Vaters sollte Josef wie in einer Schlinge einfangen und ihn den Brüdern gegenüber handlungsunfähig machen.

Wie reagiert Josef? Er sagt kein Wort. Er weint nur. Weil ihm ganz klar ist, was da abläuft. Schon wieder spielten seine Brüder ein falsches Spiel mit ihm! Vor Jahren hatten sie ihm Gewalt angetan und nun wollten sie ihn zur Vergebung zwingen, quasi auf Befehl des Vaters hin. Vielleicht war dieser Moment für Josef noch schmerzlicher als der feige Hass vor vielen Jahren.

Die Tränen und die Wehrlosigkeit Josefs, machen nun die Brüder wehrlos. Jetzt waren auch sie am Ende, an dem Ende, das allein einen neuen Anfang ermöglicht. Sie kommen nun selbst zu Joseph, voll Angst und Furcht. Endlich bereuen sie und stehen zu ihrer Schuld. Sie liefern sich ihm bedingungslos aus: „Hier sind wir als deine Sklaven!“ Sollte Josef tun, was gerecht war: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Doch Josef antwortet: "Habt keine Angst! Stehe ich denn an Gottes Stelle?" Er verzichtet auf Rache. Er durchbricht den Teufelskreis der Vergeltung. Er vergibt. Er lässt los. Josef und seine Brüder reden miteinander. Das Schlimme, was getan worden ist, wird offen benannt. Reue der Brüder ist da. Aber auch die Hoffnung und der gute Wille es besser zu machen. Reue und Bekennen der Schuld. Die Bereitschaft die Konsequenzen zu tragen. Das alles führt zur Vergebung und zur Versöhnung zwischen den Brüdern.

Immer wieder redet die Bibel von Vergebung. Leicht ist es nicht zu vergeben. Aber ohne Vergebung kann ein Leben nicht gelingen. Ärger und Rachedanken und alte Verletzungen und Beleidigungen können unser Leben vergiften. Wenn Jesus uns aufruft zu vergeben, dann damit wir unseres Lebens wieder froh und glücklich werden. Vergebung gehört nicht nur zur Nächstenliebe dazu. Vergebung ist auch Teil der Liebe zu mir selbst.
Vergebung bedeutet nicht, alles unter den Teppich zu kehren. "Ich vergebe dir", ist nicht einfach ein: "Wird schon wieder". Zum Vergeben gehört, die Dinge auszusprechen und wenn möglich miteinander einen Weg zu suchen, wie zwei Menschen sich weiterhin in die Augen schauen können. Manchmal, so erleben wir es, ist eine Seite nicht willig sich zu versöhnen. Dann können wir dennoch, an uns selber arbeiten, auf Vergebung hin, auf unserer Seite.

Verzeihen ist ein Akt der aktiven Lebensgestaltung, denn wir übernehmen damit Eigenverantwortung. Wer verzeiht, lässt nicht zu, dass andere Menschen oder Ereignisse das eigene Leben dauerhaft beeinflussen können. Wer vergeben kann, öffnet sich für Neues. Wer vergibt, muss nicht die Tat vergessen, also aus dem Gedächtnis streichen. Negative Erfahrungen machen uns ja vorsichtiger. Vergeben bedeutet auch nicht, dass man eine Tat nun „gut heißt.“ Vergeben heißt: ich entscheide mich dazu, nicht länger zuzulassen, dass eine Tat eines andern Menschen mein Leben dauerhaft negativ beeinflusst. Einfach ist das nicht.
Doch wo Menschen die bösen Erinnerungen festhalten, die Traumata, die Wunden in ihren Seelen, da bleiben sie in unheilen, in heillosen Verhältnissen gefangen.
„Healing of memories“ – das Heilen der Erinnerungen – so nennen die Fachleute das, was in solchen Situationen nötig wird. Langsam, behutsam, gefasst auf Rückschläge tasten sich ehemalige Gegner oder Feinde an die gemeinsame Geschichte heran, die sie so unterschiedlich erlebt haben.
„Setz für eine Weile die Brille deines Gegenübers auf.“ - „Wie würdest du reagieren, wenn dir das gesagt würde, was du selbst gesagt hast?“ - „Was würdest du dir von deinem Gegenüber wünschen, das du selber auch halten könntest?“ - „Was wäre für dich unverzichtbar, bevor du sagen könntest: jetzt ist Gerechtigkeit erreicht?“ - „Auf welche Forderung könntest du vielleicht verzichten?“ Und so weiter: Fragen dieser Art sind die Wegmarkierungen, an denen entlang der Weg zu einem Frieden, zu einer Versöhnung gegangen werden kann.

Menschen, die auf die versöhnende und vergebende Kraft Gottes vertrauen, tun sich in solchen Fragen oft (wenn auch nicht immer) leichter.

Liebe Gemeinde,
die Joseferzählung ist eine zutiefst menschliche Geschichte. In ihr begegnen sich Menschen in allem, dessen sie fähig sind: in abgrundtiefem Hass wie in liebender Vergebung. Und sie lässt uns erkennen, wie Gottes Handeln in tiefster Weltlichkeit verborgen ist, dass wir - auch wenn wir es nicht wahrnehmen - mitten in Gottes Heilsgeschichte stehen: in Glück und Leid, da, wo uns vergeben wird, da, wo wir vergeben.

Dietrich Bonhoeffer schrieb: "Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen ... Ich glaube auch, dass unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten."

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.